Dokumentation eines Coaching Prozesses

Abschlussarbeit von Arne Dreyer, als PDF lesen


Das nachfolgende Schriftstück dokumentiert einen Coaching Prozess über zwei Sitzungen. Die Klientin ist Anfang
40, berufstätige Mutter und in Spanien aufgewachsen. In der ersten der beiden Sitzungen erarbeitet die Klientin
Möglichkeiten, um in wichtigen beruflichen/privaten Gesprächen handlungsfähiger zu werden. Im Verlauf dieses
Prozesses wird deutlich, dass die Klientin den Wunsch hat, sich klarer abgrenzen zu wollen. Dieses Thema wird in
der zweiten Sitzung bearbeitet. Zeitlich einzuordnen ist der Coaching Prozess zwischen dem 7. und 8. Modul, der
Ausbildung zum Systemischen Coach beim Institut InKonstellation.

 

Erste Sitzung

Auftragsklärung
Zu Beginn des Gesprächs klärt der Coach das Thema und den Rahmen der heutigen Sitzung. Diese umfasst 60 – 90
Minuten. Bevor in den Prozess eingegangen wird, teilt der Coach mit, dass es sich um einen “geschützten” Raum
handelt. Heißt: Keine Inhalte werden ungewünscht “nach Außen” kommuniziert.
Der Wunsch für das heutige Coaching wurde von dem Coachee an den Coach herangetragen. Der entsprechende
Termin wurde anschließend vereinbart. Da der Coach noch in der Ausbildung ist, ist das Coaching unentgeltlich. Die
Klientin kommt mit dem Anliegen, dass sie das Gefühl habe, dass es ihr in (geschäftlichen) Verhandlungsgesprächen
oftmals die Kehle zuschnüre, sobald das Gegenüber Gegenargumente auf den Tisch lege.

Zur weiteren Klärung nutzt der Coach das Coaching Haus und lädt die Klientin dazu ein, das Problem weiter zu
erläutern. Der Coach nutzt dabei primär offene und W-Fragen (wie, wo, wer, was). Die Klientin berichtet von einer
Situation mit einer Vorgesetzen in einem Schulprojekt, in dem sie als Sozialpädagogin tätig ist. Die Klientin stellt für
ihre erbrachten Leistungen, einen für sie angemessenen Betrag in Rechnung. Beim Erhalt der Rechnung erwidert die
Vorgesetzte, dass der gewünschte Betrag nicht gezahlt werden kann und die Klientin entsprechend weniger Geld
erhalten wird. Nach Ansicht der Klientin wurde der Stundenlohn vorab aber so vereinbart. Der Coach nutz das aktive
Zuhören und lässt sich im weiteren Verlauf, den Sachverhalt noch weiter im Detail erläutern, bis er ihn komplett
durchdrungen hat. Der Coach fragt die Klientin, wie sie sich in dieser Situation gefühlt hat.

„Klein, ohnmächtig, emotional überwältigt. Es ist so, dass meine ganzen Emotionen hochkommen und ich in dem
Moment nicht mehr
klar denken kann, mir fallen keine weiteren Argumente ein, die ich in das Gespräch
zielführend einbringen könnte“

Auf die Frage, ob die Klientin das Gefühl auch aus anderen Lebenssituationen kenne, schildert die Klientin eine
Auseinandersetzung mit ihrer Schwiegermutter, in der es ihr ähnlich ergangen sei.
Um Ressourcen, Stärken und bereits erlebte Erfolge aus ähnlich erlebten Situationen aufzudecken, nutzt der Coach
das Appreciative Inquiry-Interview. Der Coach fragt, ob es auch schon ähnliche Situationen gegeben habe, die
die Klientin erfolgreich bewältigt hat, dies verneint die Klientin. Auch in der Partnerschaft oder familiären Kontexten
ist es so, dass die Klientin auf Widerspruch keine entsprechenden Lösungen hat. Sie fühlt sich „überwältigt“. Die
Klientin ist gebürtige Spanierin und kommt für sich zu dem Schluss, dass sie mit der „deutschen“ direkten Art nur
schwer umgehen könne. Die direkte Konfrontation mit Gegenargumenten mache sie “handlungsunfähig”. Auch die
Frage, ob die Klientin bereits erste Versuche unternommen habe, um mit den Situationen besser umgehen zu
können, verneint sie.

 

Zieldefinition
Der Coach fragt, ob es einen konkreten Wunsch für den heutigen Termin geben könnte und wenn ja, wie der lauten
könnte. Die Klientin möchte Möglichkeiten erarbeiten, um genannte Situationen erfolgreicher bewältigen zu können.
Sie sagt, dass sie Werkzeuge brauche um mit den aufkommenden körperlichen Emotionen besser umgehen zu
können. Sie hat den Wunsch ruhig zu bleiben, denken und sprechen zu können. Bisher hat sie zwei Möglichkeiten,
um mit den Emotionen umzugehen. Entweder ungefiltert herauslassen, was gerade im beruflichen Kontext nicht
förderlich sei, oder die Situation komplett verlassen, um für fünf bis zehn frische Luft zu schnappen.

“Ich möchte mehr Kontrolle über meine Emotionen erlangen, sie dürfen mich nicht überwältigen, dafür wäre es
hilfreich Instrumente zu lernen, um mit ihnen umgehen zu können”.

Gemeinsam wird folgendes Ziel für die heutige Sitzung erarbeitet:

“Ich möchte in wichtigen beruflichen/privaten Gesprächen handlungsfähiger werden und dafür
Werkzeuge erlernen, die ich einsetzen kann, wenn ich wahrnehme, dass meine Emotionen aus
meinem Bauch- und Herzraum in den Kopf schießen und mir Kehle und Kopf zuschnüren”

 

Die Skalierungsfrage
Im nächsten Schritt entscheidet sich der Coach für die Skalierungsfrage. Der Klientin wird die Technik erklärt und
gebeten das untere (0) und obere (10) Ende der Skala zu beschriften. Die Klientin nimmt die Aufgabe pro aktiv an
und kommt schnell zu den Begriffen handlungsunfähig (0) und handlungsfähig (10). Sie wird gebeten einzuschätzen
auf welcher Stufe der Skala sie sich selbst sieht. Die Klientin stellt sich auf die 5. Auf die Frage, welche Fähigkeiten
sie denn schon mitbringe, um einen Platz in der Mittel der Skala einzunehmen, antwortet die Klientin:

Ich kenne mein Ziel bzw. weiß, was ich will im Gespräch (Zielklarheit)
Ich kann mich in die andere Person hineinversetzen (Empathie)
Ich bereite mich gut vor (gute Vorbereitung)

(Wörter in Klammern wurden von Klientin auf Karteikarten notiert)

Was bedarf es um von der 5 weiter nach vorne, auf die 6 oder die 7 zu kommen? Mit unterschiedlichen
systemischen Fragestellungen werden folgende Punkte herausgearbeitet:

 Fokussierung auf die Atmung (bekanntes Tool aus ihrer Tätigkeit als Yogalehrerin)
 Anker setzen (wenn sie mit dem Hund im Wald ist, da ist sie ruhig und entspannt)
Forscher/frecher sein

Zum Abschluss der Übung stellt sich die Klientin auf die 7,5.

 

Way Forward
Mit dem Schritt 4 aus dem Grow Modell erarbeitet der Coach mit der Klientin die unterstützenden Schritte, um
sicherzustellen, dass zwei der drei Tools zeitnah verfestigt werden, um dann in Konfliktsituationen angewendet
werden zu können. Konkret wird die Klientin in den nächsten 10 Tagen:

 5 x eine 10 minütige Atemübung praktizieren
3x mit dem Hund in den Wald gehen und dabei einen Anker setzen. Sie hat sich dafür das Gyan Mudra ausgesucht,
bei dem sich die Spitzen des Daumens und des Zeigefingers berühren, dies ist der Klientin bereits aus dem Yoga bekannt.

 

Abschluss und Ausblick
Die Klientin fühlt sich mit dem Ergebnis zufrieden und schaut den neuen Herausforderungen freudig entgegen. In
der Sitzung ist auch deutlich geworden, dass die Klientin sachliche Informationen aus ihrem Umfeld oftmals auf
dem „Beziehungsohr“ wahrnehme. Dies ist insbesondere deutlich geworden, als die Klientin von einer Unterhaltung
mit der Schuldirektorin berichtet, in der sie ihr eine neue Projektidee unterbreiten wollte. Sie fühlt sich nach der
Absage klein und minderwertig. Der Coach erklärt ihr das Inselmodell, welches sich für die Klientin als sehr hilfreich
herausstellt. Ferner wird klar, dass die Klientin den Bedarf hat sich mehr abzugrenzen und sich nicht „alles
aufzubürden“. Die Klientin äußert den Wunsch, sich zeitnah wieder zu treffen, um dieses Thema anzugehen.


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