Dokumentation von zwei Coaching-Sitzungen

mit einer Klientin

Abschlussarbeit von Kirsten Haas, als PDF lesen


AKQUISITION, EINSTIEG, VEREINBARUNG

Frau B. hat sich an mich gewandt, weil sie meinem Aufruf zur Suche von Coaching-Klienten zu Übungszwecken
gefolgt ist. Bereits am Telefon konnten wir kurz klären, was ihr Anliegen ist und was Coaching generell leisten kann.

ANALYSE & DIAGNOSE

Die Situation:
Im ersten Termin lerne ich Frau B. genauer kennen. Sie ist Anfang 50, verheiratet und hat drei Kinder, von denen
eines bereit zum Studium aus dem Haus ist und die anderen noch zur Schule gehen.
Seit ihrer Ausbildung vor über 25 Jahren ist Frau B. beim selben Arbeitgeber im kaufmännischen Bereich angestellt.
Dort hat sie regelmäßig die Tätigkeit gewechselt, war aber in den vergangenen Jahren überwiegend im
Verwaltungsbereich tätig. Durch ihre familiären Verpflichtungen war sie fast durchgehend in Teilzeit beschäftigt. Im
vergangenen Jahr nahm sie aufgrund struktureller Umorganisation das Angebot ihres Arbeitgebers an und
wechselte in eine Transfergesellschaft. In dieser befindet sie sich aktuell noch für mehrere Monate, danach ist sie
arbeitslos.

Das Ziel:
Der (zunächst spontan formulierte) Auftrag: „Ich möchte wissen, wohin es danach gehen soll.“ (Anm.: nach der Zeit
in der Transfergesellschaft)

Mit Hilfe des Coaching-Hauses hinterfragen wir gemeinsam das Ziel.
Die Klientin schildert ihr Anliegen. Sie erscheint sehr reflektiert, tendenziell pessimistisch, „warnt“ mich vor, sie sei
ein schwieriger Fall und hätte schon alle Möglichkeiten durchdacht, käme aber zu keinem Ergebnis. Im Sinne eines
guten Kontaktes würdige ich ihre Aktivitäten, durch aktives Zuhören. Im Rahmen der Würdigung frage ich sie nach
den Einzelheiten der Anstrengungen, die sie bereits unternommen hat. Sie hat über die Transfergesellschaft
Unterstützung in Form einer externen Berufsberatung, das gestalte sich aber zäh. Bei allen bisher geschriebenen
Bewerbungen hat sie von 75 Prozent positives Feedback erhalten und ist zu Gesprächen eingeladen worden. Diesen
Erfolg würdige ich, auch wenn sie selber das eher als „geringe Leistung“ einschätzt. Drei aus den Gesprächen
resultierende Angebote hat sie ihrerseits abgelehnt aus unterschiedlichen Gründen. Ihre Überzeugung ist, dass sie
hätte noch mehr Bewerbungen schreiben sollen. Nach der Frage, was sie denn glaube, wofür das dient, nicht mehr
Bewerbungen zu schreiben, sagte sie spontan:

„Dass ich mich nicht auf die falschen Jobs bewerbe.“

Ich frage nach den Positionen und Unternehmen, bei denen sie sich beworben hat. Wir stellen fest: Ihr fehlt eine
konkrete Vorstellung ihrer künftigen Tätigkeit, sie weiß nicht, auf welche Jobs sie sich gezielt bewerben soll.

Wir untersuchen die Systeme, in denen sie sich bewegt. Da ihr Mann gut verdient, befindet sie sich in der Situation,
auf das Gehalt nicht angewiesen zu sein. Trotzdem ist die Geldfrage immer wieder präsent („ich will ja nicht weniger
verdienen als vorher“). In ihrem Umfeld stocken viele Freundinnen ihre Arbeitszeiten nach Elternpausen gerade
wieder auf, so dass es ihr „fast peinlich“ ist, quasi nichts zu machen. Da auch ein Sohn bereits das Haus verlassen
hat, hätte sie ebenfalls mehr Zeit, auch mehr zu arbeiten.

Auf die Frage nach ihren Emotionen in ihrer Situation ist sie noch nicht klar sortiert. Sie erwähnt, dass es eigentlich
ok sei, auch mal nicht zu arbeiten. Immerhin hätte sie in den vergangenen Jahren durchgehend und viel gearbeitet.
Jetzt könnte es auch mal gut sein. Einen echten Zugang zu ihren Emotionen hat sie aber noch nicht, sie wägt immer
wieder ab zwischen positiver und negativer Sichtweise ihrer Situation.

Das Ziel, das wir gemeinsam formulieren, lautet:

„Ich möchte Klarheit gewinnen und sicherer werden, was ich demnächst tun
möchte. Damit ich mich gezielter bewerben kann.“

Ob das Ziel trägt, überprüfe ich anhand des SMART-Zieles:

Das Ziel ist spezifisch-konkret: nein
Das Ziel ist messbar: nein
Das Ziel ist attraktiv: ja
Das Ziel ist realistisch: ja
Das Ziel ist terminiert: nein

Aufgrund des Ergebnisses schärfen wir noch einmal nach und entwickeln folgendes Ziel:

„Ich möchte eine Bewertungsskala für mich, anhand derer ich ab morgen
Stellenanzeigen überprüfen kann, damit ich mich gezielter bewerben kann.“

Mit dem Ziel ist Frau B. zufrieden. Ich frage sie, woran sie nach unserem Termin merken würde, dass er erfolgreich
war. Ihre Antwort: Sie würde mit Freude an die Jobsuche gehen.

Anmerkung: Ich hatte während der Zielsuche die Hypothese, dass Frau B. sich durch ihre nicht ganz freiwillige
berufliche Veränderung vielleicht verletzt und nicht gewürdigt fühlt. Ich habe ihr hypothetische Fragen und
Aussagen zur Verfügung gestellt, um zu schauen, ob meine Spekulation zutrifft. Auch mit dem inneren Team haben
wir gearbeitet. Im Ergebnis fand hier aber keine Verletzung oder ein Identitätsverlust statt. Frau B. hatte sich
freiwillig entschieden, weil ihr früherer Job ihr keinen Spaß mehr machte und auch die Zugehörigkeit zur Firma
nicht mehr so intensiv war. Hier machte sie den Eindruck, dass sie sich diesen Schritt sehr wohl überlegt hat und
damit nicht hadert.

LÖSUNGSENTWICKLUNG UND -GESTALTUNG

Die Lösungsfindung:
Um mit ihr gemeinsam ein Profil mit ihren Kompetenzen, Fähigkeiten, Stärken und Interessen zu erstellen,
bearbeiten wir mit Hilfe systemischer Fragen auf dem Flipchart die folgenden Aspekte:

Welche Aufgaben hatte sie in ihrem bisherigen Job? Welches davon sind Herzensthemen, welche möchten Sie
nicht mehr in Ihrem Leben haben?
Was sind die daraus resultierenden Kompetenzen, die man benötigt, um solche Aufgaben zu erledigen?
Mit welchen Themen hat sie sich in ihrem bisherigen Job beschäftigt und welche Themen interessieren sie
darüber hinaus?
Welcher Rahmen ist für sie wichtig? (Voll-/Teilzeit, Geld, Entfernung etc.)
Welche Werte spielen für sie eine Rolle? (gutes Betriebsklima, sinnhafte Tätigkeit…)
Was möchte sie in ihrem Leben noch lernen?
Wo sehen andere Menschen ihre Stärken?

Während Frau B. ihre Vorstellungen relativ gut benennen konnte, wusste sie beim letzten Punkt (wie sehen Andere
Frau B.) nichts zu sagen, auch nicht auf hypothetischer Ebene. Sie fand die Frage aber hilfreich und spannend, so
dass ich ihr die Hausaufgabe mitgegeben habe, andere Personen dazu zu befragen.

Bei der Diskussion der o.g. Punkte hat die Klientin über viele Möglichkeiten der Neuausrichtung reflektiert. Auffällig
war, dass sie jede Idee sofort mit vielen Gegenargumenten selber wieder verwarf. Daraufhin habe ich mit ihr
versucht, ihre Überlegungen analog zum Tetralemma einzusortieren in eine der vier Ausrichtungen:

a) An Bewährtem festhalten (einen Job ähnlich ihrem alten suchen)
b) Etwas völlig Neues machen (etwas ganz anderes in Erwägung ziehen)
c) Eine Kombination aus a und b (bspw. bekannte Tätigkeit in völlig anderer Branche)
d) Nichts von alledem

Wir haben dieses Modell nicht vertieft (und damit auch nicht die 5. Ebene – all dies nicht und selbst das nicht –
angesprochen), sondern es lediglich zur Verdeutlichung und Strukturierung verwendet. Frau B. war sowohl mit den
Kriterien auf dem Flipchart als auch mit der theoretischen Einsortierung ihrer Möglichkeiten sehr zufrieden und
fühlte mehr Klarheit.

Neben der o.g. Aufgabe, andere Menschen zu befragen, wo Frau B. ihre Stärken habe, habe ich sie ermutigt, bis zum
nächsten Treffen zu sammeln, welche Jobs theoretisch für sie infrage kommen. Dabei solle sie auch diejenigen
berücksichtigen, bei denen sie selber sofort viele Gegenargumente findet. Beim nächsten Termin wollen wir die
konkrete Bewertungsskala erstellen und mögliche Jobalternativen dort einsortieren.

 

ABSCHLUSS

Zum Abschluss habe ich die Ergebnisse zusammengefasst und sie mit unserem Ziel abgeglichen. Ich war der
Meinung, dass wir das Ziel nicht erreicht haben, da wir noch keine Bewertungsskala erstellt hatten. Die Klientin fand
die Ergebnisse aber als gut, und Termin hilfreich und angenehm. Das Flipchart hat sie sich abfotografiert und stellte
fest, dass ihr das schon sehr helfen würde. Sie freut sich auf den nächsten Termin (in 2 Wochen).

Reflektion und Ideen für die Folgesitzung:

– Fragen wie es ihr ergangen ist und ob sich irgend etwas getan hat.
– Fragen nach den „Hausaufgaben“.
– Mithilfe des Profils eine Nutzwerttabelle erstellen, in der die Kriterien gewichtet werden. Obwohl das ggf.
keine reine Coaching-Aufgabe ist hat die Klientin mehrfach wiederholt, dass sie solch ein Werkzeug braucht,
mithilfe dessen sie Stellenanzeigen oder Ideen bewerten kann.
– Noch mehr pacen und wertschätzen.


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