Mein Weg durch die Ausbildung zum „Systemen Coach“

Abschlussarbeit von Anke Schmidt, als PDF lesen


1. Einleitung

Alles fing damit an, dass ich in der Folge einer Re-Organisation des Unternehmens, für das ich seit 35 Jahren tätig
bin, durch die Auflösung meiner Abteilung in ein firmeninternes Call-Center versetzt wurde.

Diese Tätigkeit entsprach so wenig meinen Stärken und Talenten, dass ich darüber krank wurde. Ich steckte fest in
einem ordentlichen Dilemma. Einerseits wollte und konnte ich diesen Job nicht weiter ausüben, andererseits kam
eine Kündigung oder eine Bewerbung in einen anderen Bereich aufgrund meines Alters für mich nicht in Frage.

Mein Ziel war es also, einen Weg zu finden, mit dieser schwierigen beruflichen Situation zurechtzukommen. Aber
dafür brauchte ich Hilfe. Ein Coaching erschien mir das geeignete Instrument dieses Thema anzugehen.
Je mehr ich jedoch darüber nachdachte, umso reizvoller erschien mir der Gedanke, gleich selbst eine Coaching
Ausbildung zu machen. Da könnte ich Lösung mit Selbsterfahrung kombinieren und mir neben der, mich zutiefst
unausgefüllt lassenden beruflichen Tätigkeit, ein neues Interessenfeld eröffnen. –
Gedacht, getan!

Es war Donnerstagabend, 19.00 Uhr und ich „googelte“ mich durch „Ausbildung/ Coaching/Köln“. So landete ich
durch Zufall auf der Seite von „In Konstellation“, einem Trainingsinstitut für Systemische Coaching Ausbildung in
Köln. Dort erfuhr ich, dass die nächste Ausbildung zum Systemischen Coach am morgigen Freitag starten würde,
leider aber ausgebucht war.
Während ich mich mit den Daten der darauffolgenden Ausbildungssequenz beschäftigte, aktualisierte Timo Schlage,
der Leiter dieses Instituts, wohl am anderen Ende der „Leitung“ die vorliegenden Anmeldungen für den folgenden
Tag. Jedenfalls blinkte mich der Button „Anmeldung möglich“ plötzlich an. Kurz entschlossen, dem Internet nicht
mehr vertrauend, griff ich zum Telefon und erreichte kurz nach 19.00 Uhr am Vorabend des Ausbildungsstarts Timo
Schlage höchstpersönlich, der mir meine Teilnahme ab dem Morgen danach freundlich zusicherte. –

Das hatte ja perfekt geklappt! Der erste Schritt war getan und bekanntlich beginnt ja jede Reise mit eben diesem.

 

2. Systeme

Das erste Modul der Coaching Ausbildung startete mit vielen unterschiedlichen Motivkarten am Boden des
Seminarraums, von denen sich jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer eine für sie oder ihn passende aussuchen
sollte. Ich entschied mich für ein Bild mit einer offenen Tür in einem alten, verwilderten Hauseingang. Ich
assoziierte damit Neugier, Spannung, Hoffnung, Lust auf Entdeckung, Lust auf Begegnung aber auch
Unvollkommenheit und Wildwuchs. Die Botschaft dahinter lautete für mich: „Die Tür steht offen, gehe hinein und
hindurch.“ Die Frage, die ich mir stellte, war: „Wer oder was verbirgt sich wohl dahinter?“. Diese Tür symbolisierte
für mich die Ausbildung zum Systemischen Coach und ich hatte bereits die Klinke herunter gedrückt.
Da dieser Ausbildung der systemische Gedanke zugrunde liegt, ging es zunächst darum, die Begrifflichkeit zu
definieren.
„Ein System besteht immer aus voneinander abhängigen und sich gegenseitig beeinflussenden Einzelteilen, die
gemeinsam ein Ganzes ergeben. Daraus entsteht eine zusammenhängende Einheit, die sich von allen, außerhalb des
Systems liegenden Dingen, abgrenzen lässt. Durch das Zusammenwirken aller Teile des Systems, wird das Verhalten
des jeweiligen Systems bestimmt. Die Änderung eines Systemelements hat Auswirkungen auf andere Teile, sowie auf
das Ganze.“

Wir lernten, wenn innerhalb eines Coachings Veränderungen herbeigeführt werden, muss dem Coach und dem
Klienten bewusst sein, dass dies zugleich Änderungen in dem System bewirkt, in dem sich der Klient bewegt.
Das grundsätzliche Verständnis von Systemen gab mir Hoffnung, dass sich durch mein „in Bewegung setzen“ auch in
meinem beruflichen Kontext etwas verändern würde.

 

3. Time-Line / Bodenanker

Im weiteren Verlauf dieses ersten Moduls hatte ich die Gelegenheit als Coachee eine Time-Line zu erarbeiten mit
dem Thema, welche Stationen meines Lebens mich zu dieser Ausbildung gebracht hatten.
Ohne im Einzelnen auf die höchst emotionale Auswirkung und die kraftvolle Wirkung der Bodenanker für die
einzelnen Stationen einzugehen, wurde mir in diesem professionell begleiteten Coaching sehr deutlich klar, in
welcher beruflichen Situation ich mich am wohlsten fühlte und wie weit ich mich schon seit längerer Zeit davon
entfernt hatte. Mein Ziel war es, wieder im direkten Kontakt mit den Menschen, den Kunden zu arbeiten; in einer
Beratertätigkeit ohne zu eng bemessene Zeitvorgaben, selbst wenn das für mich Gehaltseinbußen zur Folge hätte.
Diese Klarheit erlangt zu haben, hatte für mich eine immense Bedeutung und die Zielformulierung meines Coaching
Prozesses zur Folge:
Ich wollte wieder als Kundenberaterin in einer Geschäftsstelle meines langjährigen Arbeitgebers arbeiten.-
Wie schnell sich mein System meiner Bewegung anpassen würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht
ahnen…

Ich war zu dieser Zeit krankgeschrieben, weshalb mich nach meiner Rückkehr vom Coaching –Seminar am
Sonntagabend zwei erfolglose Anrufversuche meiner Teamleiterin, die sich meines Wissens in Urlaub befand, sehr
verwunderten.
Auf meinen Rückruf hin, teilte sie mir mit, sie habe von einer Personalversammlung am vergangenen Freitag
erfahren, auf welcher beschlossen wurde, geeigneten Personen aus dem Call-Center aufgrund von
Prozessverschiebungen, ein Angebot zu machen, sich unter Beibehalt der Bezüge in die umliegenden
Geschäftsstellen zu bewerben.
Da habe sie direkt an mich gedacht.-

Nach diesem Telefonat konnte ich noch lange Zeit nicht glauben, was ich gerade gehört hatte und mir standen die
Tränen in den Augen vor Glück und Dankbarkeit über diese Chance.
Jetzt galt es nur noch sie zu nutzen.- Ich bewegte mich und mein System gleich mit!

 

4. Haltung / OK –OK Modell – GROW Modell

Seitens des Unternehmens (hier in persona meines Zentrumsleiters) war angedacht, sich bei Interesse an einer
Versetzung per Mail zu melden. Angesichts der Dringlichkeit meines Ziels der Versetzung in eine Geschäftsstelle auf
einer Skala von 0 bis 10 bei mindestens 10, erschien mir diese Form der Interessensbekundung als völlig ungeeignet.
Ich bat also telefonisch um ein persönliches Gespräch beim Zentrumsleiter und bekam einen Gesprächstermin am
übernächsten Tag.
Was dieses bevorstehende Gespräch anging, befand ich mich in keinem optimalen Status. Um es vorsichtig
auszudrücken, hatte ich keine gute Meinung über meinen Vorgesetzten und konnte in keiner Weise einschätzen, wie
er auf mein Anliegen reagieren würde.
Ich fühlte mich ängstlich, traurig unsicher und klein und mir war klar, dass in diesem Zustand ein für mich
zielführendes Gespräch relativ unwahrscheinlich sein würde. Es blieb mir jedoch noch ein ganzer Tag, um an meiner
Haltung zu arbeiten. Schließlich war ich angehender Coach und als allererste Vorbereitung schrieb ich dies mit
schwarzem Permanentmarker unter meine Schuhe, die ich am morgigen Tag zu meinem Business Outfit tragen würde.
Die Kraft von Bodenankern hatte ich ja bereits erfahren dürfen…
Ich musste schmunzeln, als ich probeweise in entsprechender Montur vor dem Spiegel stand und fühlte mich direkt
etwas gelöster und vor Allem kompetenter, dieses Bewerbungsgespräch zu führen.

Konfuzius sagt:

„Wähle einen Beruf den du liebst und du brauchst keinen Tag mehr zu arbeiten.“

 

Da wollte ich hin.- (G)
Ich hatte einige Tage zuvor einen Online-Test gemacht, in dessen Ergebnis mir
meine 5 stärksten Talente angezeigt wurden:

1. Einfühlungsvermögen
2. Strategie
3. Anpassungsfähigkeit
4. Bindungsfähigkeit
5. Vorstellungskraft

Wenn ich im Sinne des GROW-Modells hier meine Realität beschreiben sollte, hatte ich zusammen mit meiner
langjährigen Berufserfahrung, fachlichen Qualifikationen und den oben genannten Talenten alle Voraussetzungen
einer hervorragenden Kundenberaterin. (R)

Als diese würde ich mich morgen also präsentieren (Bauchgefühl super!, Haltung aufrecht!, Stimmung: motiviert,
aber auch entspannt).

Um mir noch ein bisschen mehr Gelassenheit zu verschaffen, dachte ich über die weiteren Optionen nach, sollte ich
mein Ziel in diesem Gespräch noch nicht sofort erreichen können: ich könnte meine Arbeitszeit verkürzen und mich
dem Coaching widmen – auch nicht so schlecht – (O)

Jetzt fühlte ich mich jedenfalls bereit, für den „Way forward“ und das morgige Personalgespräch. (W)

 

Ich war also OK, nur mein Chef, der war irgendwie noch nicht OK
Da musste ich wohl noch einmal zu meiner inneren Haltung zurückkehren.
Ich schob mir also einen Bürostuhl zurecht und setzte mich imaginär in seinen Chefsessel.
Da saß ich nun als mein Chef und fühlte in mich hinein.
Ich spürte einen immensen Druck aufgrund der strukturellen Vorgaben des Unternehmens und auch dadurch,
ständig konfrontiert zu sein mit der Unzufriedenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Ich hatte keinen großen Spielraum die Arbeitsbedingungen zu verbessern und das Gefühl, mich permanent
rechtfertigen zu müssen, sowohl den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegenüber, als auch gegenüber der
Geschäftsleitung. Und jetzt sollte ich auch noch fähige Mitarbeiter gehen lassen, sogar eine Auswahl treffen, mit dem
Wissen, viele Bewerberinnen und Bewerber enttäuschen zu müssen.
Keine leichte Aufgabe –
Es gelang mir auf diese Weise seine Situation zu würdigen und die Herausforderungen seines Jobs anzuerkennen.
Ich würde ihm also morgen mit Respekt und Wertschätzung gegenübertreten können.

Ich bin OK – du bist OK!


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