Der Umgang mit schwerwiegenden Gefühlen

in der Aufstellungsarbeit

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Executive Summary

In der vorliegenden Reflexion zu einem Phänomen in der systemischen Aufstellungsarbeit geht es um sich
überlagernde Systemenergien und mögliche Konflikte im Umgang mit schwerwiegenden Gefühlen und stark
bewegenden Themen in der klienten- und lösungsorientierten systemischen Aufstellungsarbeit.

Zunächst wird das Spannungsfeld Klienten-, Lösungsorientierung unter Achtung der phänomenologischen
Wahrnehmung und Eigenwirksamkeit des Systems beleuchtet. Im Anschluss werden mögliche Konfliktlinien
und Lösungsvorschläge im Aufstellungsverlauf diskutiert. Das Phänomen der Metamorphose von Elementen
wird in diesem Zusammenhang dargestellt. Mit einem Praxisbeispiel wird die Selbsterfahrung mit dem
diskutierten Gegenstand dokumentiert.

Reflexion zu einem Phänomen in der systemischen Aufstellungsarbeit

In meiner Reflexion wende ich mich dem Thema zu, wie die Leitung mit schwerwiegenden Gefühlen und
stark bewegenden Themen in der Aufstellungsarbeit umgehen kann, damit die Aufstellung klienten- und
lösungszentriert verläuft. Dabei ist klären, inwieweit Lösungsorientierung unter Berücksichtigung der
Eigenwirksamkeit fokussiert werden kann.

Nach meiner Erfahrung sind an Aufstellungsarbeit größtenteils Menschen interessiert, die empathisch sind,
also ein hohes Gewahrsein für die Zustände der sie umgebenden Menschen haben. Mit der Empathie ist ein
resonierendes Mitschwingen verbunden, das für die Aufstellungsarbeit wesentlich ist. Bauer 2008 benennt
Resonanz als ein menschliches Grundbedürfnis. Petzold folgt in seiner Definition von Resonanz einem Ansatz,
der sowohl die individuelle Autonomie als auch die bezogene Verbundenheit zu anderen Menschen Raum gibt:
„Dabei wird Resonanz als Mitschwingen in Eigenschwingungen, als Anwortsschwingungen in den eigenen
Schwingungsfähigkeiten gesehen“(Petzold 2011). Die systemische Resonanz ist schließlich das, was Varga
von Kibét (2000) als repräsentierende Wahrnehmung bezeichnet: der Zugang zu Systemwissen durch das Ein-
nehmen einer Positionim System. Das Systemwissen drückt sich vornehmlich durch körperliche Reaktionen
und Körperwahrnehmungen aus (Hellinger 2001; Sparrer 2001).

Eigenwirksamkeit und Sich überlagernde Systemenergien

Als Leiterin einer Aufstellung ist neben dem Mitschwingen auch ein Überblick notwendig, der die Dynamiken
im Feld und den Zustand des Klienten/der Klientin einbezieht, sowie mögliche Entwicklungsereignisse antizipiert.
Im Spannungsfeld zwischen Eigendynamik im Feld und einer lösungsorientierten Fokussierung des Aufstellungs-
verlaufs kann es notwendig sein, Impulse zu geben. Impulse, die einen tieferen, vielleicht durch Dissoziation
verborgenen Zusammenhang freilegen und damit in der Psyche des Klienten/der Klientin bestehende Tabus an-
rühren und aufdecken. Um an abgespaltene oder überlagerte Strukturen zu kommen, muss die Leitung Reaktanz
als Systemdynamik erkennen. Jack W. Brehm fasst unter dem Begriff eine komplexe psychische Abwehrreaktion,
die als Widerstand gegen äußere oder innere Einschränkungen aufgefasst werden kann.  Reaktanz wird in der
Regel durch psychischen Druck oder die Einschränkung von Freiheitsspielräumen ausgelöst. Die Fokussierung
der Aufstellung auf eine ursächliche Verstrickung kann einen solchen psychischen Druck erzeugen, da die Frei-
heitsspielräume der Konstruktion der inneren Narrative infrage gestellt werden. Der Begriff der Ursächlichkeit
ist NICHT kausal und normativ gemeint, sondern als phänomenologische Ebenenschau, siehe weiter unten im
Text.

Nur wenn mögliche Abwehrsysteme erkannt und in ihrer Systemdynamik gewürdigt werden, kann eine angst-
voll vermiedene Struktur fokussiert und in der Aufstellung sichtbar gemacht werden. Hier offenbart sich das
Spannungsfeld von Lösungsorientierung und Eigenwirksamkeit des Systems. Meine These hierzu lautet: Die
symptomatische Konstellation (Problembild) kann eine eigenständige selbsterhaltene Dynamik (in der repräs-
entierenden Wahrnehmung der SV) manifestieren, welche die Dynamisierung des Lösungssystems vorüber-
gehend verzögert. In dem Sinne überlagern sich Symptomsystem und Lösungssystem als zwei systemische
Zusammenhänge in der systemischen Aufstellung. Die energetische Stärkung des Lösungssystems in den
Strukturen des Symptomsystems ist das Maß an Lösungsorientierung durch die Leitung, das unter Wahrung
der Eigenwirksamkeit des Systems (i.e. Lösungssystem) unabdingbar ist. Diese Überlegungen sollen nicht
den Eindruck vermitteln, das Reaktanz als ausschließlich um jeden Preis unmittelbar zu überwindender
Widerstand zu werten sei, sondern Widerstand muss unbedingt auch als Ressource vor Überforderung  von
Eindrücken als strukturierendes Element gewürdigt und beachtet werden (s.u. im Text Grenze der Belastbarkeit).

Grundhaltung der Aufstellungsleitung

Diana Drexler schreibt in ihrer „Einführung in die Praxis der Systemaufstellungen“: „Will man Veränderungs-
prozesse anstoßen, reichen empathische Wahrnehmungsprozesse allerdings nicht aus. Vielmehr gilt es, die
zugrunde liegenden Wahrnehmungen nachvollziehbar mitzuteilen, dem gegenüber blinde Flecken ‚sichtbar‘
zu machen und ihm dadurch Möglichkeiten für neue Handlungsspielräume zu eröffnen“ (Drexler 2015, S. 26).
In der Aufstellungsarbeit soll durch das ergebnisoffene, unvoreingenommene Schauen von inneren Bildern
im Außen die biografische und transgenerationale Narration verändert werden. Das Aufstellen bleibt nicht bei
einem reinen Schauen stehen, wobei anzunehmen ist, dass jedes Schauen schon die Haltung zum Geschauten
verändert. „Bei einer Aufstellungsarbeit können […](Abwehr-) Reaktionen im aktuellen Beziehungsverhalten in
einen Zusammenhang mit ursprünglichen Bedürfnisverletzungen gestellt werden mit dem Ziel, im Prozess einer
induzierten Regression eine Erfahrung symbolisch nachzuholen, die so nicht stattgefunden hat“ (Drexler. 2015.
Seite 38) In der systemischen Aufstellungsarbeit wird also unter der Prämisse der Unvoreingenommenheit wohl
aber mit der Absicht, eine als belastend empfundene Konstellation zu lösen, das unmittelbare Wahrnehmen als
Erkenntnisweg wie Husserl ihn 1950 beschreibt zur Methode. Husserl versteht unter seiner Parole „Zurück zu den
Sachen selbst“ eine möglichst störungsfreie – unter Abschaltung von Umwelteinflüssen, Vorurteilen, subjektiven
Erfahrungen, gelerntem Wissen – Annäherung an das Wahrgenommene. In einem Verfahren, das er mit den
Begriffen epoché (Enthaltung, innehalten) und eidetische Reduktion (In-Klammern-Setzen der mit einer Wahr-
nehmung verbundenen Meinungen) bezeichnet. In Anlehnung an Heidegger kann für die Verfasstheit eines/r
systemisch neutral und ergebnisoffenen Aufstellungsleiter*in formuliert werden: sie konzentriere sich reduziert
auf die voraussetzungslose Wahrnehmung selbst (Ich weiß nichts, ich will nichts), hinterfrage Annahmen (Ist
es wirklich so?) und interveniere anhand der Wahrnehmungen konstruktiv (Was zeigt sich, wie wirkt es auf
mich, womit hängt es zusammen?)(Drexler 2015 S.26). König (2004, S.207) beschreibt Haltung und Vorgehen
in der Aufstellungsarbeit in Anlehnung an P. Fürstenau wie folgt: „phänomenologisch wahrnehmen, systemisch
konstruktivistisch denken, flexibel auf eine offene Zukunft hin intervenieren.“

Diese Art des pendelnden (vergl. Petzold, 2011. S.o.) in-Wahrnehmung-versenkt-Seins ist idealtypisch und in
der Aufstellungspraxis nicht vollendet zu erreichen. Aber als Orientierung ist es dienlich, indem die Leitung
gewahr ist, nicht objektiv „richtiges“ Verstehen aus der Beschreibung von Phänomenen zu erreichen, sondern
vorläufige Hypothesen in einem kontinuierlichen Vorgang zu entwickeln.

Wenn die Lösungsorientierung das Handeln von Leiterinnen und Leitern dominiert, laufen sie unter Umständen
„schnell Gefahr, ‚zu wissen‘, gerade wenn sie nicht viel Selbsterfahrung haben und/oder unter Handlungsdruck
stehen. Die Aufstellungsarbeit als stark leiterzentriertes Verfahren bietet hier – je nach Persönlichkeit der Leitung
–in besonderem Maße Raum und Risiko für ungezügelten Intuitionismus und normatives (Besser-)Wissen“ (Drexler.
2015. S.28). Das Spannungsfeld zwischen Eigenwirksamkeit des Systems und der Fokussierung eines kata-
lysierenden Elements ohne normative Vorannahmen zu finden, erlebe ich als besondere Herausforderung in der
Arbeit. Hierbei spielen auch eigene Grenzen und die Intensitätstoleranz des Leiters / der Leiterin eine Rolle, die
ich in den Blick nehmen möchte.

Die wertschätzende Grundhaltung, kombiniert mit Vertrauen auf die Selbstwirksamkeit des Systems, führt zu
einer Haltung der Leitung, die konstruktiv begleitend statt bevormundend und im Sinne eines erwarteten Lösungs-
bildes der Leitung vorstrukturierend ist. Auch sollte die Aufstellung nicht ausschließlich in emotionaler Intensität
mäandernd, sondern wie oben beschrieben im Sinne einer Lösungsorientierung fokussiert geleitet werden.


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