Mit systemischen Fragen zu besseren Trainings?

Abschlussarbeit von Judith Hellhake, als PDF lesen


Einleitung

Die Durchführung von Trainings lebt von einem guten Zusammenspiel von Trainer:in und Teilnehmendengruppe. Dabei spielen Fragen eine zentrale Rolle, um das Training möglichst aktiv zu gestalten und eine gute Dynamik im Kreis der Teilnehmenden zu entwickeln.

Anhand von drei beispielhaften Fragetypen werden konkrete Elemente der Coaching Ausbildung aufgegriffen und in einen neuen Kontext – der Trainings – gesetzt. Ausgewählte Beispielfragen werden vorgestellt und eingeordnet. Diese lassen sich in der Anwendung um viele weitere Fragen ergänzen.

Die Darstellung enthält Einschätzungen zu Mehrwerten in Trainings, um Interessenten ein Basisverständnis zu Wirkung und Einsatzfeldern an die Hand zu geben. Zu berücksichtigen ist hierbei immer auch, dass die Fragen zum Anwendungskontext passen sollten.

Die Arbeit geht über einen theoretischen Transfer hinaus und bildet eine erste Grundlage für die praktische Anwendung im Trainingsalltag. Vor diesem Hintergrund wird auch die Bedeutsamkeit eines bewussten Umgangs mit Gruppen als „komplexes System“ beleuchtet und weshalb eine reflektierte Haltung von Trainer:innen in diesem Zusammenhang wichtig ist.


Die Trainingsgruppe als System

Was sind Trainer:innen und Trainings?

Der Begriff der „Trainer:in“ ist nicht geschützt. Der Berufsverband für Training, Beratung und Coaching (BDVT e.V.) hat zur Funktionsbeschreibung und Aufgabenklärung ein „Rollenbild“ verfasst.

In diesem wird ein(e) Trainer(in) definiert als:

„ […] Expert/in für die Kompetenzerweiterung der Teilnehmenden […]“1

Dabei besteht nicht der Anspruch, gleichzeitig auch Expert:in im jeweiligen Fachgebiet zu sein. Bei der Umsetzung von Trainings steht die Befähigung der Teilnehmenden im Vordergrund, um ihre persönliche Handlungskompetenz zu steigern. Dabei greifen Trainer:innen auf eine methodische und didaktische Expertise zurück. Trainings finden in der Regel in Gruppen statt. Nicht selten sind Trainer:innen gleichzeitig auch in anderen Rollen verortet – wie z.B. als Coaches (vgl. BDVT e.V., 2019, S. 1-10).


Was hat eine Trainingsgruppe mit einem System zu tun?

Ein System kennzeichnet sich dadurch, dass es aus voneinander abhängigen und sich beeinflussenden Einzelelementen besteht, die in Summe ein Ganzes ergeben.

Die Beziehung der Einzelteile ist quantitativ oder qualitativ intensiver als die Beziehung zu anderen Elementen, die nicht Teil des Systems sind. Durch diese Unterschiedlichkeit der Beziehungen wird die Systemgrenze definiert, die das System von der Umwelt trennt.2

Eine zentrale Eigenschaft eines Systems lässt sich anhand der Metapher eines Mobiles beschreiben: Es bestehen Verbindungen zwischen den Komponenten und Veränderungen einzelner Bestandteile haben eine Auswirkung auf die übrigen Teile des Systems. Soll sich ein System verändern, so müssen sich auch die zugehörigen Bestandteile verändern. Eines der bekanntesten Beispiele für Systeme ist die Familie.3

Doch inwieweit ist dieser theoretische Rahmen für Trainer:innen relevant?

Zunächst sollten sich Trainer:innen bewusst sein, dass eine Gruppe von Teilnehmenden die Merkmale eines Systems hat und als ein solches einzuordnen ist. Dies bedeutet auch, dass Trainer:innen automatisch selbst zum Teil des Systems werden. Demzufolge haben sie auch entsprechenden Einfluss auf die Dynamik innerhalb des Systems.

Um die Arbeit mit einer Trainingsgruppe erfolgreich umsetzen zu können, sollte ein ausreichend gutes Verständnis vorhanden sein, wie sich dieses System versteht und wer Teil dessen ist. Dies ist wichtig, um alle Bestandteile des Systems adäquat einzubinden und mögliche Wechselwirkungen innerhalb des Systems frühzeitig zu erfassen. Dies kann beispielsweise relevant werden, wenn durch Störungen eine Veränderung in der Gruppenatmosphäre zu verzeichnen ist und die Stimmung in eine Negativhaltung kippen könnte.

In der Kommunikation mit der Teilnehmendengruppe sollte darauf geachtet werden, dass Botschaften möglichst klar formuliert werden. Dies betrifft z.B. Ansagen zur Umsetzung von Übungseinheiten, wie etwa Arbeit in Kleigruppen. Weshalb ist das wichtig?

Ausgehend von einer systemisch-konstruktivistischen Haltung ist davon auszugehen, dass unter den Teilnehmenden unterschiedliche Perspektiven und Wahrnehmungen vertreten sind.

Konkret gibt es nicht die eine Wahrheit und Realität, was im Austausch mit der Gruppe stets reflektiert werden sollte.

Eine entsprechende Achtsamkeit der Trainer:in im Umgang mit den Teilnehmenden und im Hinblick auf die Kommunikation ist daher ratsam.4

Zugleich ist die Haltung eines „allwissenden Trainers“ überholt. Es geht vielmehr darum die Standpunkte und Ausgangssituation der Zielgruppe bestmöglich zu erfassen und auf Augenhöhe zu kommunizieren. Dazu gehört auch, Gesagtes ein Stück weit in die eigene Sprache zu übersetzen und darauf wiederum bedarfsgerecht reagieren zu können.

So fasst es Sandra Radatz wie folgt zusammen

„Wir müssen ein Stück hinter die Begriffswelt wandern und unseren Fokus darauf richten, was der jeweils andere mit dem meint, was er sagt.“5


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Quellen

1 (vgl. BDVT e.V., 2019, S.2)
2 (vgl. von Schlippe in Patrzek, Andreas, 2017, S.5)
3 (vgl. Patrzek, Andreas, 2017, S.6)
4 (vgl. Radatz, Sonja, 2009, S.31)
4 (vgl. Radatz, Sonja, 2009, S.34)