Mini-Max Interventionen

Abschlussarbeit von Tanja Schmitz-Remberg als PDF lesen


Einführung

Es sind nicht immer die großen Methoden und Formate des Coachings, die den Coachee unterstützen, neue Möglichkeiten des Denkens und Handelns zu wagen.

Die Haltung der Coach, überzeugt von Ressourcen der Coachees und Möglichkeiten der Veränderung, spiegelt sich im optimalen Fall in ihrer Sprache wider, nebenbei klingend, einem bestimmten Muster folgend.

Dies bringt Manfred Prior in seinem kleinen, aber feinen Klassiker der systemischen Literatur „MiniMax – Interventionen“ wunderbar anwendungsfreundlich für Beraterinnen und Coaches auf dem Punkt.

Frei nach dem Motto „Simple but not easy“ bietet dieses Büchlein tolle Tipps, die mir bereits seit über zwei Jahrzehnten auch in meiner Funktion als Trainerin und Moderatorin dienen.

Seine ausgewählten MiniMax – Interventionen können beiläufig angewendet werden, sind möglichst unscheinbar (und erzeugen damit weniger bis garkeinen Widerstand) und sind schnell von jeder Coach erlernbar.

Gespickt mit entscheidenden Details erhöht eine konsequente selbstverständliche Anwendung dieser MiniMax den Erfolg des Coachings.

Ich habe meine Lieblings MiniMax ausgewählt (a – g) und weitere eigene (h und i) hinzugefügt.

Viel Freude und Anregung beim Lesen, ich habe mir erlaubt auch Euch interessierte Leserinnen anzusprechen und hoffentlich zu ermuntern, die MiniMax noch mehr auszuprobieren.

Sprache schafft Realität

Im systemischen Coaching gehen wir davon aus, dass es keine objektive Wahrheit gibt.

Jede und jeder gestaltet sich seine und ihre Realität durch die subjektive Wahrnehmung und durch die unwillentliche Aktivierung innerer Bewertungssysteme.

Dies bestimmt maßgeblich das eigene Erleben in der Welt und zeigt Auswirkungen im Denken, Fühlen, Handeln.

Diese Subjektivität zeigt sich in unserer Sprache, sie drückt unsere Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster aus.

Sprache formt sowohl das individuelle Sein in der Welt als auch gesellschaftliche Wirklichkeiten. Auch die Wirklichkeiten von Teams, Familien, Unternehmen usw.

Sie ist lt. Niklas Luhmann ein eigenständiges soziales System und es kann notwendig sein, dieses System in seinem Muster zu pertubieren, damit Wirklichkeiten die Chance erhalten, sich ändern zu dürfen.

Hier liegt u.a. die Aufgabe einer jeden Coach, dysfunktionale Sprachmuster neu mit der Coachee zu gestalten.

Wie wir Coaches sprechen, spiegelt unsere Realität wider, zeigt, wie wir denken und fühlen, spiegelt unser Mindset.

Sprache ist unser hauptsächliches Wirkinstrument und bietet eine hoch wirksame Interventionsebene, die Coaches fast schon „nebenbei“ ganz im Sinne einer Musterunterbrechung nutzen sollten.

Ein bewusstes und reflektiertes Wording halte ich für eine Grundvoraussetzung aller Coaches, denn Sprache findet immer statt, in jeder Phase z.B. des GROW Modells und bei der Durchführung eines Tools wie z.B. des Tetralemmas, der Timeline usw.

Und hier liegt eine hohe Chance noch wirksamer zu sein und unsere Coachees liebevoll in den Möglichkeitsraum zu führen, Problemtrancen zu unterbrechen und das Wahrnehmungs – und Sprachmuster der Coachees ohne viel Aufwand zu erweitern.

Ausgewählte kleine Interventionen mit maximaler Wirkung

a) „In der Vergangenheit…“

Coachees kommen mit einem Problembewusstsein ins Coaching:

Sie können oftmals ausführlich beschreiben, was sie stört, was schlecht läuft und wo sie ihre Defizite erleben.

Aufgabe als Coach ist es, sie vom Problem- in den Möglichkeitsraum zu führen, und der kleine Satzanfang „In der Vergangenheit…“ suggeriert, dass das Problemverhalten ein möglicherweise vergangenes Verhalten darstellt.

So kann die Coach bereits beim Pacing im Rahmen des aktiven Zuhörens und Zusammenfassens der Schilderungen des Coachees ihre Worte bereits mit „In der Vergangenheit…“ gestalten.

Denn JETZT, wo der Coachee sich auf den Weg gemacht hat ins Coaching, sich überwunden hat, da beginnt eine neue Zeit, das alte Verhalten gehört der Vergangenheit an.

Und selbst wenn das neue gewünschte Verhalten noch Zeit zur Entwicklung braucht, ist das alte Verhalten nie mehr das jetzige, denn es unterliegt neuen Bewertungen und Betrachtungen.

Das könnte für dich, liebe interessierte Leserin, möglicherweise bedeuten, dass du „in der Vergangenheit deinem aktiven Zuhören und Zusammenfassen der Ausführungen deiner Coachees nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt hast und du dich nun ermutigt fühlst, das Wording „in der Vergangenheit“ mal öfter auszuprobieren.


b) Offene Fragen statt ein „ob…“

Geschlossene Fragen dienen der Gewinnung von Informationen, die die Coachee mit einem Ja oder Nein beantworten kann.

Das Wörtchen „ob“ schleicht sich gerne hinterrücks ein, indem eine Coach z.B. sagt:

Ich frage mich, OB du bereits Versuche unternommen hast, dich anders zu verhalten.

Im schlimmsten Fall antwortet die Coachee mit NEIN, und zack, bist du gemeinsam festgefahren.

Und stell dir mal vor, du stellst, ganz unwillentlich, weitere OB – Fragen:

Ich wüsste gerne, OB du schonmal darüber nachgedacht hast, deine Vorgesetzte zu informieren?

„Nö!“…

hier besteht die Gefahr gemeinsam stehen zu bleiben und den Möglichkeitsraum nicht zu betreten. Ebenso lauert im „geschlossenen Fragen – Setting“ eine Atmosphäre des Verhörs und dies verlässt die Augenhöhe, die im Coaching unabdingbar ist.

Im Coaching geht es in den allermeisten Situationen nicht um die Gewinnung von Informationen und Fakten, sondern um die Anregung zur Ideen- und Lösungsfindung seitens der Coachee.

Hier bieten sich offene Fragen an, denn diese ermutigen die Coachee zu reflektieren, nachzudenken und neue Ideen zu entwickeln:

Ich wüsste gerne, was aus deiner Sicht dafürspräche, deine Vorgesetzte zu informieren? Was würde deine Vorgesetzte dazu sagen, wenn sie diese Situation beobachtet hätte?

Und besonders würdigend ist es, wenn die Coach fragt:

Welche bisherigen Lösungsversuche haben dir denn bisher ein wenig helfen können?

Offene Fragen ermöglichen erst eine GesprächsFÜHRUNG, denn erst diese FÜHREN die Coachee zu ihren Ressourcen, Anteilen und Lösungen.

Das könnte für dich, liebe Leserin, bedeuten, dass du dich nicht fragst, OB du Coach werden willst, sondern WIE du deine gewonnen Skills aus der Fortbildung im Rahmen deiner Arbeit einsetzen möchtest.

Und frag dich nicht, OB du was davon gebrauchen kannst, sondern WELCHE Aspekte du besonders bereichernd erlebt hast.

c) Sondern?“

Diese kleine Zauberwörtchen ermöglicht ein liebevoll-hartnäckiges Führen in positive Formulierungen z.B. von Zielen und Ausnahmen.

Jede Coach weiß, wie herausfordernd es sein kann, die Coachee zu begleiten, ein positiv formuliertes Ziel zu entwickeln.

Ich möchte mich nicht immer so aufregen, wenn meine Chefin Aufgaben unfair delegiert.

Hier liegt die Verführung, der Coachee möglicherweise zu antworten:

Du wünschst dir also Gelassenheit?

Diese Vorwegannahme kann u.U. dazu führen, dass die Coachee vage antwortet und die Coach deren Arbeit macht. Das Zauberwörtchen SONDERN hilft hier ungemein und ganz schnell.

Die Coach wiederholt das Gesagte und hängt liebevoll fragend ein SONDERN hinten an.

Du möchtest dich also nicht mehr aufregen, sondern?

Und dies kann die Coach bei jedem weiteren negativ formulierten Ziel wiederholen, bis eine Formulierung sich schärft. Dies gilt ebenso für Ausnahmen, denn wir wissen ja dank Steve de Shazer, dass in diesen die Lösungen lauern.

Wenn die Coachee berichtet, dass sie sich im letzten Team nicht habe einschüchtern lassen, dann fragen wir:

Du hast dich nicht einschüchtern lassen, SONDERN?

Vielleicht, liebe Leserin, gehörst du zu den Coaches, die sehr gut aktiv zuhören können und im Zuge dessen schon mal zu flott die Wünsche deiner Coachees benennst, obwohl diese noch in der negativ formulierten Version stecken.

Vielleicht möchtest du nun deiner Coachee diese Erkenntnisarbeit nicht mehr abnehmen, sondern…?


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