Dokumentation und Reflexion eines Coaching-Prozesses

zum Thema „Berufliche (Neu)Ausrichtung“

Abschlussarbeit von Irene Schulz, als PDF lesen


Zusammenfassung

Der Arbeitsmarkt steht vor einem großen Wandel. Globalisierung und Digitalisierung unsere Berufswelt neu.
Wirtschafts- und Arbeitsmarktexperten berichten, dass ein Großteil heute noch bestehender Berufe aufgrund der
digitalen Transformation in 10 – 20 Jahren sich radikal verändern oder gar wegbrechen werden. In Zeiten von
Technisierung und rasanten Veränderungen, begeben sich zunehmend mehr Menschen auf den Weg der beruflichen
Neu(Orientierung). Arbeit dient schon lange nicht nur zur alleinigen Existenzsicherung.

Mit der eigenen Arbeit einen Sinn und Mehrwert zu stiften und sich auch im Beruf selbst zu verwirklichen zu
können, sind die Anzeichen des aktuellen Wertewandels am Arbeitsmarkt (Stichwort Generation Y/Z). Diese
Entwicklung bietet Menschen jede Menge neue Chancen und fordert sie zugleich im Beruf als auch im privaten
Leben jeden Tag aufs Neue heraus. Den Überblick über viele parallel ablaufende Prozesse zu behalten,
Entscheidungen schneller zu treffen und bei all dem gleichzeitig sich selbst und die eigenen Bedürfnisse, Werte und
Lebensziele zu kennen und nicht aus den Augen zu verlieren.

Aus diesem Grund wird Coaching in Zukunft eine immer wichtigere Rolle für die berufliche (Neu)Ausrichtung spielen.

In der folgenden Ausarbeitung wird ein praktisch durchgeführter Coaching-Prozess zum Thema „Berufliche
(Neu)Ausrichtung“ niedergelegt. Unter der Zielüberschrift

„Ich möchte meine berufliche Selbstverwirklichung finden.“

habe ich meine Klientin (w / 35 Jahre) im Coachingprozess begleitet (drei von sieben Sitzungen). Die Kombination
aus dem Modell „Effectuation“ und „5-Säulen der Identität“ bieten einen guten Ansatz für Übergangsprozesse im
Berufsleben und in Zeiten von dynamischen Arbeitsmarktsituationen.


1. Einleitung & meine Rolle als Coach

Bewusstsein und Perspektiven zu erweitern. Fähigkeiten und Stärken zu entwickeln. Veränderungen und Chancen zu
erkennen und ergreifen. Den Menschen bei persönlichen und beruflichen Veränderungsprozessen zu begleiten ist
mir eine Herzensangelegenheit und erfüllt mich persönlich.

Nach dem systemischen Ansatz betrachte ich den/die Klientin als Experte/in sowohl des eigenen Problems als auch
der eigenen Lösung. Er/sie trägt auf seine/ihre Fragen auch die für ihn/sie richtigen Antworten, für seine/ihre
Probleme die passenden Lösungen und für jeden Veränderungsprozess die optimalen Ressourcen schon in sich.
Davon bin ich ebenfalls fest überzeugt!

Im Folgenden wird der Prozess eines beruflichen Coachings über vier Sitzungen (einschließlich Auftragsklärung)
beschrieben.

2. Coaching-Prozess

Thema: Berufliche Neuorientierung bzw. berufliche Selbstverwirklichung
Zeitraum / Ort: im Rhythmus von 3 – 5 Wochen, à 90 – 120 Minuten, in meinem Büro

2.1 Erstkontakt

Die Klientin kontaktierte mich über meine Homepage (www.ireneschulz.com) für ein Erstgespräch. In dem kurzen
Telefonat erläuterte sie mir grob ihr Anliegen und ihren Wunsch mit meiner Hilfe sich tiefgründiger mit ihrer
zukünftigen beruflichen Ausrichtung zu beschäftigen. Zum Zeitpunkt des Erstgespräches (Anfang August) befindet
sich die Klientin bereits in einer beruflichen Umbruchsituation. Sie steht vor einem Wechsel in ein neues
Arbeitsverhältnis (Anfang Oktober). Um Missverständnisse zum Thema Coaching im Vorfeld ausschließen zu
können, erkundigte ich mich bei der Klientin, warum sie ausgerechnet Coaching für sich als nützlich ansieht und ob
sie persönliche Erfahrungen mit Coaching hatte. Coaching als Entwicklungsmaßnahme wurde der Klientin von einer
ehemaligen Arbeitskollegin empfohlen. Um das Vertrauen der Klientin zu mir zu fördern, klärte ich die Klientin
bereits an dieser Stelle über meine Arbeitsweise, den Ablauf eines Coaching-Prozesses, die
Vertraulichkeitsverpflichtung (inkl. Coaching-Vertrag) auf. Die Klientin stimmte dem Prozess motiviert zu und wir
vereinbarten einen passenden Termin für die Auftragsklärung.

2.2 Auftragsklärung, Analyse, Zielklärung

Informationen zur Klientin und ihrer Situation
Die Klientin (35 Jahre, ledig, keine Kinder) beschreibt mit Hilfe meiner Fragen ihren beruflichen Werdegang
(Ausbildung & mehrjährige Beschäftigung zur Tierpflegerin, Quereinstieg als Verkäuferin im Einzelhandel für
Tierbedarf, zuletzt Quereinstieg als Küchenplanerin/-beraterin). Die kreative, organisatorische und zeitgleich
kundennahe & kundenorientierte Arbeit zuletzt als Küchenplanerin/- beraterin hat ihr viel Freude bereitet und die
Motivation und den Wunsch in ihr geweckt sich beruflich und persönlich im Betrieb weiterzuentwickeln. Weil ihr
jedoch das eher kleine Unternehmen weder Chancen für eine berufliche Weiterentwicklung noch
Entwicklungsperspektiven im Unternehmen geben konnte, entschied sich die Klientin dafür selbstverantwortlich
beruflich weiterzuentwickeln. Sie absolvierte auf eigene Kosten eine Fortbildung im Bereich Küchenplanung/-
beratung mit der Intention sich bei anderen Unternehmen zu bewerben und eine passende Arbeitsstelle zu finden.
Zusätzlich bewarb sie sich aus Interesse auf die Stelle als „Mediaberaterin“ in einem erneut branchenfremden Zweig
und erhielt tatsächlich für diese Stelle eine Zusage, mit der Aussicht bereits im Oktober die Funktion als
Mediaberaterin zu besetzen.

In der arbeitsfreien Übergangsphase hatte die Klienten sich viel Raum und Zeit gegeben, um sich mit sich selbst,
ihren persönlichen Bedürfnissen und Wünschen zu beschäftigen und sich einen ihrer Lebensträume (alleine eine
Fernreise zu machen) zu verwirklichen.

Die Klientin schätzte jede der bisher ausgeübten Arbeitstätigkeiten und die damit erworbenen Fähigkeiten,
Erfahrungen und Kompetenzen wert.

Sie war jedoch leicht frustriert, dass sie sich bisher in keinem der Jobs wirklich beruflich ausleben konnte und
angekommen gefühlt habe. Die neue Stelle als Mediaberaterin habe sie spannend gefunden und konnte sich gut
vorstellen, sich mit ihren Kompetenzen und Fähigkeiten einzubringen. Sie stellte vorsichtig infrage, ob sie im neuen
Beruf ihre Erfüllung finden wird und gab zu, dass ihr seit ca. 3 Jahren die Orientierung und Klarheit darüber fehle,
in welche Richtung ihre berufliche Reise langfristig hingehen soll (Funktion, Rolle, Tätigkeiten,
Angestelltenverhältnis oder Selbstständigkeit) damit sie in ihrem Berufsleben erfüllt und zufrieden sein kann. Diese
Erkenntnis habe sie dazu bewegt sich mit Hilfe eines Coaches noch mal grundlegend mit ihren persönlichen
Bedürfnissen und Vorstellungen hinsichtlich der zukünftigen beruflichen Ausrichtung zu beschäftigen.

Einstieg & Kontakt: Pacen, Spiegeln, Doppeln
Innerhalb kurzer Zeit nahm ich war, dass die Klientin sowohl auf verbaler als auch nonverbaler Ebene über eine sehr
lebhafte Kommunikation verfügt. Besonders die emotionale Ausprägung ihrer Mimik und die Tonalität ihrer Stimme
konnte ich hervorragend zum Pacen nutzen und somit eine vertrauensfördernde Beziehungsebene zur Klientin
aufbauen.

Verlauf der Auftragsklärung
Für ein besseres Verständnis der Situation und des Systemkonstrukts meiner Klientin, ließ ich mir ihre
Ausgangssituation noch konkreter beschreiben. Währenddessen gab mir das „Coaching-Haus“ eine gute und
sichere Orientierung. Ein wechselseitiges Beziehen auf die einzelnen Ebenen (Thema, Organigramm bzw. berufliches
& privates Umfeld, Situations- und Gefühlsbeschreibung) erleichterten mir ihr Thema, System (und die
Wechselwirkungen zu bestehenden Systemen) genauer zu erfassen. Hierfür waren vor allem beschreibende,
erklärende Fragen
und Fragen nach dem bisherigen Verhalten hilfreich.

Für die Zielklärung und Zielfestsetzung des weiteren Coaching-Prozesses bediente ich mich vorwiegend ziel-,
lösungsorientierter, hypothetischer, zirkulärer Fragen
und Umkehrfragen, wie z.B.

– Was genau möchten Sie mit Hilfe des Coachings verändern bzw. erreichen?
– Stellen Sie sich bitte vor, Sie haben den Coaching-Prozess abgeschlossen, woran erkennen Sie, dass es für Sie
erfolgreich war? (Methode: Future Pace)

o Was hat sich dann in Ihrem Denken, Fühlen und Handeln bei Ihnen verändert?
o Woran merken z.B. ihre Freunde, Familienmitglieder, dass das Coaching für Sie erfolgreich war?
o Woran werden Sie merken, dass Sie das Ziel nicht erreicht haben?

Nach einer ausführlichen Auftragsklärung wurde folgendes Ziel für den weiteren Coaching-Prozess festgehalten:

„Ich möchte meine berufliche Selbstverwirklichung finden.“

Zusätzlich fragte ich ihre Erwartungshaltung an mich als Coach ab. Sie wünschte sich, dass ich ihr als Coach im
Laufe des Prozesses dabei helfe den „Nebel zu lichten“, sodass sie für sich mehr Klarheit und Orientierung
hinsichtlich ihrer  zukünftigen beruflichen Ausrichtung gewinnen kann.

Beide Punkte notierte ich auf zwei Moderationskarten und platzierte diese sichtbar vor der Klientin auf dem Boden.
Ich bat die Klientin sich einen Moment Zeit zu nehmen und sich einzufühlen, wie stimmig sich das formulierte Ziel
für sie anfühlte und ob es von ihrer Seite her noch einer Ergänzung bzw. Änderung bedurfte. Die Klientin bekräftigte
die Zielformulierung.

Um für mich (und auch für die Klientin) noch mehr Klarheit zu erhalten, wo meine Klientin aktuell auf ihrem
beruflichen Orientierungsweg steht, stellte ich ihr zusätzlich zwei Skalierungsfragen.
Den Skalierungsrahmen setzte ich von

„1= Ich habe überhaupt keine Vorstellung, was ich beruflich machen möchte und kann.“

bis

„10 = Ich habe eine sehr genaue Vorstellung von dem, was ich beruflich machen möchte und wie ich mich darin
verwirklichen kann.“

mit Bodenankern (Karten).

Auf die Frage…

a) “Wieviel Klarheit hast du bereits heute darüber wie, womit und in welchem Bereich du dich beruflich
selbstverwirklichen könntest bzw. möchtest?“ und „Was hat dazu beigetragen, dass du gerade hier stehst?
Warum stehst du nicht auf der 3 oder 2?“

stufte sich die Klientin auf der 5 ein und berichtete, dass sie vor ein paar Jahren begonnen habe sich selbstständig
mit Themen wie z.B. Stärken, Schwächen, Lebenswerte und Persönlichkeitsentwicklung allgemein
auseinanderzusetzten. Ich ließ mir genauer von ihr erklären, welche Erkenntnisse sie bisher über sich gewonnen
hatte und fokussierte dann erneut zu ihrem Ziel mit der Frage

b) “Wie viel Klarheit möchtest du darüber gewinnen, wie, womit und in welchem Bereich du dich zukünftig
beruflich selbstverwirklichen kannst? Und bis wann soll das geschehen?“

Die Klientin steuerte motiviert auf die 9 zu und setzte sich einen zeitlichen Rahmen bis spätestens März 2020 fest.

Ich nutze die Intervention der Ambivalenz und gab ihr zu verstehen, dass ich einerseits ihre Ungeduld bzw.
Motivation „beruflich endlich anzukommen“ sehr gut nachempfinden kann und andererseits es bemerkenswert
finde, dass sich trotz ihrer Ungeduld, noch ausreichend Zeit für den Findungsprozess nehmen möchte.

Abschluss & Ausblick:

Ich erkundigte mich, wie es der Klientin in diesem Gespräch ergangen ist, und bedankte mich für ihr bisher
entgegengebrachtes Vertrauen. Wir vereinbarten einen Termin für die 1. Coaching-Sitzung.

Dauer: 1,75 Stunden

Verwendete Methoden, Modelle, Tools:

– Aktives Zuhören, Spiegeln
– Pacing
– Nutzung der Ambivalenz
– Coaching-Haus zur Auftragsklärung inkl. Zielsetzung
– Ziel-, lösungsorientierte, hypothetische, zirkuläre, skalierende Fragen und Umkehrfrage,
Future Pace Frage, Gefühlsfragen

2.3 Methodische Einordnung des zu erarbeitenden Zieles

Das von der Klientin gesetzte Ziel hat mich im Nachgang an die Auftragsklärung dazu bewegt, mich noch mal
genauer mit dem Thema der „beruflichen Selbstverwirklichung“ zu beschäftigen und zu reflektieren, welches Modell
bzw. welche Methoden dem bevorstehenden Coaching-Prozess einen passenden und zielführenden Rahmen geben
können.
Zur Erreichung bzw. Verwirklichung beruflicher Ziele kommen generell verschiedene Modellansätze in Frage. Da es
sich bei der Klientin um ein bisher noch unspezifisches, unbewusstes und wenig planbares Ziel handelt (In welcher
Funktion möchte ich arbeiten? Angestelltenverhältnis oder ggf. Selbstständigkeit?), entschied ich den Prozess nach
den Effectuation-Prinzipen auszurichten. Effectuation bietet einen guten Ansatz für Übergangsprozesse im
Berufsleben und in Zeiten von dynamischen Arbeitsmarktsituationen. Er fokussiert stark auf innere Ressourcen und
Stärken, die bereits zur Verfügung stehen (Basis), empfiehlt in kleinen regelmäßigen Schritten vorzugehen und dabei
ungeplante Umstände, Zufälle und Partnerschaften als Chance für die weitere berufliche Entwicklung und
Zielerreichung zu nutzen.

Der Effectuation-Ansatz im Überblick für berufliche Veränderungsprozesse

1. Mittelorientierung (Bestandsaufnahme vorhandener Kompetenzen, Fähigkeiten und weiterer Ressourcen
(u.a. Kontakte, Netzwerke)).
2. Umstände & Zufälle (bewusst als Gelegenheit und Chancen nutzen).
3. Leistbarer Invest (Was kann eingebracht werden, ohne dass es die Existenz gefährdet?).
4. Vereinbarungen & Partnerschaften (mit denen bilden, die bereit sind mitzuwirken, stattdessen sich
abzugrenzen oder nach „perfekten“ Partnern zu suchen).

Dieser Ansatz kann zusätzlich ein hohes Maß an Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit beim Klienten erzeugen.

 

2.4 Sitzungsverlauf Coaching 1 – 3

Vor dem Einstieg in die Problem- bzw. Lösungsbearbeitung händigte ich der Klientin den Coaching-Vertrag aus und
besprach mit ihr diesen gemeinsam. Ich wies die Klientin darauf hin, dass sich durchaus das Ziel während des
CoachingProzesses verändern kann und die Coaching-Interventionen und die Anzahl der Sitzungen nach
Rücksprache mit der Klientin dann dementsprechend flexibel angepasst werden können. Als zeitlicher Rahmen
wurden vorerst ca. 6-7 Sitzungen vereinbart in einem Zeitabstand von 3-5 Wochen.


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