Lehrer sein aus der Haltung eines Coaches

 (Wie) geht das?

Chancen der Anwendung systemischen Denkens in schulischen Kontexten

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Executive Summary

Die Einübung der Haltung des Coaches und der Grundprinzipien des systemischen Coachings führt, so-
bald verinnerlicht, auch zu spürbaren positiven Auswirkungen in anderen Kommunikationssituationen.
Es scheint daher verlockend zu fragen, ob sich in dieser Haltung nicht auch der Beruf des Lehrers durch-
gängiger ausüben lässt. Ein Blick auf die Rolle und Aufgaben des Lehrers und die Rahmenbedingungen
seiner Arbeit stimmt zunächst skeptisch, ob dieses Anliegen umsetzbar ist. Eine nähere Betrachtung und
eine Sichtung der Fachliteratur zeigt jedoch, dass sich die Arbeit des Lehrers in zweierlei Hinsicht erfolg-
reich an der Haltung des Coaches und der Grundprinzipien des systemischen Coachings orientieren kann:
Zum einen bewirkt eine generelle Verinnerlichung systemischer Prinzipien auf Seiten des Lehrers eine ver-
änderte Wahrnehmung menschlicher Interaktion, die sich entlastend und konstruktiv auf die Beziehungs-
arbeit mit Schülern und Eltern auswirkt. Zum anderen gibt es ganz konkrete Handlungsfelder im Alltag des
Lehrers, in denen sich Haltung und Grundprinzipien aus dem Systemischen Coaching auch 1:1 übertragen
lassen. Hierzu finden sich in der Fachliteratur zahlreiche methodische Vorschläge.

1. Vorwort

Wer eine Ausbildung zum systemischen Coach absolviert, erlebt diese auch als persönliche Bereicherung,
nicht nur aufgrund der zahlreichen Gelegenheiten, innerhalb der Ausbildung selbst in den Genuss eines
Coachings zu kommen, sondern auch dank der positiven Auswirkungen, die eine Verinnerlichung der
Grundprinzipien des Coachens und der Haltung des systemischen Coaches auf das zwischenmenschliche
Miteinander anderer Lebensbereiche privater wie beruflicher Natur zeigt. Als angehender systemischer
Coach bemerkte ich in meinem beruflichen Alltag als Lehrerin beispielsweise, wie mir das konstruktivistische
Denken half, reflektierter mit Konfliktsituationen umzugehen, oder auch, wie ich unwillkürlich begann, noch
stärker ressourcenorientiert und wertschätzend mit den Schülern zu arbeiten – mit positiven Auswirkungen.

Daher schien es mir interessant zu prüfen, ob sich die Grundprinzipien des Coachens und die Haltung des
systemischen Coaches nicht noch konsequenter und umfassender mit meiner Tätigkeit als Lehrerin verbinden
ließen, um aus einer veränderten Grundhaltung heraus den Beruf auszuüben und die alltägliche Unterrichts-
praxis und pädagogische Arbeit stärker an den Grundprinzipien des systemischen Coachens auszurichten.

Mit Blick auf die Rahmenbedingungen der schulischen Arbeit, und die Rolle des Lehrers, die diesen Grund-
prinzipien vordergründig gleich mehrfach zu widersprechen schienen, fragte ich mich jedoch, ob der Versuch,
aus der Haltung eines systemischen Coaches heraus den Lehrerberuf auszuüben, nicht unweigerlich an
Grenzen stoßen müsse. Denn immerhin nehmen die Schüler nicht freiwillig, sondern aufgrund der Schulpflicht
am Unterricht teil, oder müssen sich aufgrund eines Vorfalls oder schlechter Leistungen zu einem persönlichen
Gespräch mit dem Lehrer einfinden. Die Wahl des Unterrichtsstoffes ist nicht Gegenstand einer Zielvereinbarung
zwischen Lehrern und Schülern, sondern ist durch das Curriculum vorgegeben und vom Lehrer aus seiner Leitungs-
funktion heraus durchzusetzen. Der Lehrer soll außerdem per Gesetz nicht nur einzelne Schüler fördern, sondern
auch selektieren, erziehen und beurteilen. Lassen sich angesichts dieser Rahmenbedingungen die Haltung eines
systemischen Coaches und die Grundprinzipien des Coachens im Schulalltag überhaupt aufrecht erhalten? Und
wo und wie genau lässt sich die schulische Arbeit – wenn man vom institutionalisierten Coachen oder Beratungs-
gespräch einmal absieht – an systemischen Grundprinzipien ausrichten?

Nebenbei bemerkt werden unter dem Titel des Beratungsgesprächs oder auch Coachings tatsächlich an immer
mehr Schulen auch Coachings im eigentlichen Sinne angeboten. Mittlerweile gibt es regelmäßig Fortbildungen
für Lehrer, die an ihrer Schule als Coach tätig werden wollen. Diese Coachings können der Klärung von Lauf-
bahnfragen älterer Jahrgänge, der Berufsorientierung, aber auch der Unterstützung von Schülern in Krisen oder
Konfliktsituationen dienen. Hier ist, sofern das Angebot freiwillig genutzt wird und der Coach nicht zugleich auch
Lehrer des Schülers ist, von Bedingungen auszugehen, die zumindest weitestgehend den Bedingungen in anderen
Coaching-Settings entsprechen. Das heißt, der beratende Lehrer nimmt hier auch nach außen hin sichtbar die Rolle
des Coaches ein und kann getreu der Grundhaltung eines Coaches agieren.

In allen anderen schulischen Kontexten hat der Lehrer Aufgaben zu erfüllen, die sein berufliches Handeln von außen
betrachtet in weite Ferne von der Tätigkeit eines Coaches rücken. Lehrer sein aus der Haltung eines systemischen
Coaches heraus kann innerhalb dieser Aufgabenfelder also nur bedeuten, auf der Grundlage einer verinnerlichten
systemischen Haltung und entsprechend veränderter Wahrnehmung menschlicher Interaktion zu einer entsprechend
veränderten Einschätzung des pädagogischen Handlungsbedarfs und zu aus systemischer Sicht zielführenderen
Handlungsalternativen bzw. Interventionen zu kommen. Dort, wo das was der Aufgaben gesetzlich vorgegeben
ist, kann der Lehrer eine Orientierung an systemischen Grundprinzipien also nur im wie der Umsetzung dieser
Aufgaben suchen, d.h. in seiner individuellen Art und Weise, mit den Schülern zu kommunizieren und pädagogisch
zu interagieren (vgl. Staake 2013, S. 14-15)

Aber was sind nun die Grundprinzipien des systemischen Coachens, wie sieht die Haltung eines Coaches idealer-
weise aus und welche Chancen bietet es, diese in schulische Kontexte zu übertragen?

2. Die Grundprinzipien des systemischen Coachens und die Haltung
des systemisches Coaches

Systemisches Arbeiten im Allgemeinen berücksichtigt stets, dass jedes Individuum Teil verschiedener sozialer
Systeme ist, und nur in Bezug zu diesen Systemen handeln kann. Sein Handeln folgt außerdem eingeübten
Mustern, die ihre Berechtigung und Funktion haben, und zugleich dem Individuum beim Erreichen seiner Ziele
im Wege stehen können. Wer das Individuum als Teil seiner Systeme begreift, wird sich für die Beziehungen
innerhalb der Systeme und für das Verhalten der Mitglieder interessieren und vermeiden, linearkausal zu denken.
Auch wird er darauf verzichten, dem Individuum feste Eigenschaften zuzuschreiben oder das Individuum bzw.
sein Verhalten in Kategorien wie „gut-böse“ oder „richtig-falsch“ einzuordnen. An Stelle eines Verharrens im
„entweder- oder“ gilt grundsätzlich die Überzeugung, dass es immer eine Handlungsalternative gibt (vgl.
InKonstellation 2020, S. 11-12).

Zu den Grundprinzipien systemischen Coachens gehört die Aufgabe des Coaches, durch die Herstellung eines
guten persönlichen Kontaktes und ein gutes Pacing zunächst eine angenehme und vertrauensvolle Atmosphäre
herzustellen, und Respekt und Wertschätzung für den Klienten und seine individuelle Situation zu zeigen. Das
Problemverhalten wird nicht abgewertet, sondern – getreu eines konstruktivistischen Grundverständnisses – stets
als sehr gut nachvollziehbare und in bester Absicht gewählte, aber nicht hilfreiche Lösungsstrategie konnotiert.
Der Coach hört dem Klienten bei der Schilderung des Problems aktiv zu, und sorgt zugleich durch Reframing für
einen lösungsorientierten Gesprächsansatz (vgl. InKonstellation 2020, S. 25-30).

Dabei zeigt der Coach stets Wertschätzung für die Ressourcen, über die der Klient bereits verfügt und lädt ihn
ein, diese Ressourcen auch in neuen Kontexten zu mobilisieren. Der Coach verzichtet auf linearkausales Denken,
sucht also nicht nach der einen Ursache für das problematische Erleben des Klienten, sondern leitet den Klienten
an, das Wirkgefüge seines sozialen Systems und die wechselseitige Beeinflussung seiner Teile zu beleuchten.
Durch Methoden der Veranschaulichung hilft er dem Klienten, seine Situation innerhalb dieses Kontextes und
seiner sozialen Vernetzung zu begreifen und zu verändern. Er hilft dem Klienten dabei, die seine Situation
prägenden Strukturen der Kommunikation, Wahrnehmung und Interpretation zu identifizieren und letztendlich
zu verändern (vgl. InKonstellation 2020, S. 25-30).

Dabei begreift sich der Coach nicht als Lösungslieferant, sondern als Befähiger oder Ermöglicher, als „Kutscher“,
der den Klient seinen Wünschen entsprechend durch unbekanntes Terrain führt. Der Coach agiert dabei aus einer
Haltung der Demut heraus, die deutlich macht, dass allein der Klient im Wissen um die beste Lösung für seine
Situation ist. Auch treibt der Coach den Klienten nicht an, sondern nimmt eine abwartende Rolle ein, denn er
vertraut auf die Selbstwirksamkeit, die Ressourcen und die Expertise des Klienten. Der Coach weiß, dass das
Coaching ein ergebnisoffener Prozess ist, da allein der Klient entscheidet, was hilfreich für ihn ist, und ist sich
bewusst, dass die Verantwortung für den Erfolg des Coachings allein beim Klienten liegt. Der Coach ist nur
verantwortlich für den Prozess, gibt z.B. Hinweise, wenn der Klient vom eigentlichen Ziel abweicht. Bei einem
Konflikt mehrerer Parteien ist der Coach stets neutral und allparteilich (vgl. InKonstellation 2020, S. 25-30).

Das Coaching ist eine Dienstleistung, daher wird der Coachingprozess anhand er Ziele und Wünsche des Klienten
ausgerichtet. Aus diesem Grund ist die Auftragsklärung ein zentrales Element im Coachingprozess. Der Klient ist
nicht nur verantwortlich für den Auftrag. Letztendlich entscheidet auch immer der Klient, ob und wann das Ziel
erreicht ist (vgl. InKonstellation 2020, S. 25-30).

Zwar ist der Klient für den Erfolg seines Coachings verantwortlich, die innere Haltung des Coaches kann aber
maßgeblich dazu beitragen, wie lösungskompetent sich der Klient erlebt. Denn wie der Coach seinem Klienten
begegnet, nimmt nach dem Gesetz der sich selbst erfüllenden Prophezeiung (nach Rosenthal und Jakobson
(1986), vgl. InKonstellation 2020, S. 29) auch Einfluss auf dessen Verhalten. Auch sollte der Coach seinem
Klienten stets mit der „Ich bin ok – du bist ok.“ – Haltung (vgl. InKonstellation 2020, S. 27-30) begegnen
können, also mit bedingungsloser Wertschätzung, auch dann, wenn Schwierigkeiten oder Probleme auftreten.

Der Coach sollte daher im Vorfeld dafür Sorge tragen, dass auch das „Ich bin ok“ vorliegt, und ggfs. belastende
Themen aufarbeiten. Während des Coachingprozesses selbst sollte er Achtsamkeit walten lassen, um für sein
Wohlbefinden im Coaching zu sorgen (vgl. InKonstellation 2020, S. 25-30), denn, so Gunther Schmidt, der
Coach ist während des Coachingprozesses „die Umwelt“ des Klienten (vgl. Schmidt 2016/2017).