Gewaltfreie Kommunikation – Einführung

Abschlussarbeit von Immanuel Müller, als PDF lesen


Einführung – Was ist Gewaltfreie Kommunikation?

Gewaltfreie Kommunikation ist ein Kommunikationskonzept, welches einen Prozess, bzw. einen Algorithmus
beinhaltet, der es den Gesprächsparteien ermöglicht miteinander in einer empathischen Verbindung zu bleiben.
Das Ziel ist hierbei, insbesondere in konflikthaften Gesprächssituationen, zu einer für beide Parteien bedürfnis-
orientierten Lösung zu kommen.

Das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation wurde von dem amerikanischen Psychotherapeuten Marshall
B. Rosenberg (* 6. Oktober 1934 in Canton, Ohio; † 7. Februar 2015 in Albuquerque, New Mexico) entwickelt.
Dieser war neben seiner psychotherapeutischen Tätigkeit auch vielfältig als Kommunikationsberater, Coach
und Mediator tätig. Unter anderem führte ihn seine Tätigkeit auch in zahlreiche Krisengebiete und ökonomisch
benachteiligte Regionen wie Palästina, Serbien und Ruanda, wo er seine Methode anwendete um zwischen
den gegnerischen Parteien zu vermitteln und das Konzept weiterzuvermitteln. Er gründete in diesem Zu-
sammenhang auch das „Center for Nonviolent Communication (CNVC)“, welches zum Ziel hat die Idee der
Gewaltfreien Kommunikation weiter zu verbreiten.

Marshall B. Rosenberg war ein Schüler der amerikanischen Psychotherapeuten Carl Rogers, welcher die Klienten-
zentrierte Psychotherapie begründete. Wichtige therapeutische Grundhaltungen die Carl Rogers herausstellte
waren Empathie, Wertschätzung und Kongruenz. Ein weiteres relevantes Konzept welches sich bei Carl Rogers
findet, ist das Konzept des Aktiven Zuhörens. Dieser Einfluss hatte einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung
des Konzepts der Gewaltfreien Kommunikation. Ein weiterer Einflussfaktor findet sich in dem philosophischen
Konzept der Gewaltfreiheit, wie es sich in der indischen Philosophie als „Ahimsa“ wiederfindet. Insbesondere
in dem Leben und Wirken von Mahatma Gandhi spiegelt sich dieses Konzept wider.

Anwendung kann die Gewaltfreie Kommunikation in jeglichen kommunikativen Kontexten finden, insbesondere
dort wo Konflikte auftreten, also in Bildungseinrichtungen, Organisationen, Institutionen, privaten Beziehungen,
Beratung, Verhandlung oder Diplomatie.

Theoretischer Hintergrund – Wie entstehen Konflikte?

In dem Konzept der Gewaltfreien Kommunikation wird die Entstehung eines Konfliktes mit der Verwendung
einer lebensentfremdenden Sprache, bzw. gewaltsamen Kommunikation, begründet.

Was macht eine gewaltsame Kommunikation, eine lebensentfremdende Sprache aus? Es finden sich hierfür vier
wesentliche Punkte: Urteilen, Vergleiche, Leugnen der Verantwortung für eigene Gefühle und Forderungen
statt Bitten.

Ein wesentlicher Punkt ist das Urteilen über andere Menschen, bzw. deren Handlungen. Es geht hierbei um
moralische Urteile, also dass etwas gut oder böse, richtig oder falsch sei. Es wird unterstellt, dass andere
Menschen unrecht haben oder schlecht sind, wenn sie sie nicht so verhalten wie wir es uns wünschen.

Es finden sich verurteilende Aussagen wie: „Er ist faul“, „Es ist unangemessen, „Du bist egoistisch“ oder ähnlich.

Ein weiterer Faktor ist das Anstellen von Vergleich, welche ebenfalls eine Form der Verurteilung darstellen.
Diese Art des vergleichenden Denkens ist insbesondere ein wesentlicher Grund welcher die Einfühlsamkeit
mit sich selber aber auch mit anderen blockiert.

Das Leugnen der Verantwortung für die eigenen Gedanken, Gefühle und Handlungen ist ein weiterer Aspekt.
Unsere Alltagssprache ist darauf ausgelegt die persönliche Verantwortung zu verschleiern. Die Ursache für
unsere Handlungen wird verschiedentlichen externen Gründen zu geschoben:

° Vage, unpersönliche Mächte: „Ich habe die Küche aufgeräumt, weil ich es tun musste.“
° Unser Zustand, eine Diagnose, die persönliche oder psychologische Geschichte: „Ich trinke,
weil ich Alkoholiker bin.“
° Die Handlungen anderer: „Ich habe mein Kind geschlagen, weil es frech geworden ist.“
° Das Diktat einer Autorität: „Ich habe gelogen, weil die da oben es so wollten.“
° Gruppendruck: „Ich rauche, weil alle meine Freunde auch rauchen.“
° Institutionelle Politik, Regeln und Vorschriften: „Für diesen Regelbruch muss ich dich aus
der Gruppe ausschließen, so sind die Vorschriften!“
° Geschlechterrollen, soziale Rollen oder Altersrollen: „Ich hasse es die Hausarbeit zu machen,
aber als Mutter und Hausfrau muss ich es tun!“
° Unkontrollierbare Impulse: „Ich wurde von meinem Verlangen überwältigt, den Kuchen zu essen.“

Das Ziel ist es eine Sprache, der es an Wahlmöglichkeiten fehlt, durch eine Sprache, welche Wahlmöglichkeiten
unterstützt, zu ersetzen. Ein Beispiel könnten hier die Aussage eines Lehrers sein: „Ich hasse es Noten zu geben,
weil das Schulsystem es vorschreibt.“ Eine Sprache die mehr Wahlmöglichkeiten schafft könnte diese Aussage
transformieren in „Ich entscheide mich Noten zu geben, weil ich meinen Job behalten möchte.“

Es ist somit wichtig sich der Eigenverantwortung für unser Verhalten, Denken und Fühlen bewusst zu sein und
dies auch in unsere Sprache zu übertragen.

Als letzter Punkt findet sich das Formulieren von Forderungen anstatt von Bitten. Eine direkt oder indirekt
formulierte Forderung droht dem Gegenüber mit Schuldzuweisung oder Strafe, so diese nicht erfüllt wird.

Es ist wichtig sich bewusst zu machen, dass Analysen anderer Menschen in Wirklichkeit Ausdruck unserer eigenen
Bedürfnisse und Werte sind. Selbst wenn wir mit der Verwendung einer lebensentfremdenden Sprache vielleicht
erreicht, dass das Gegenüber tut was wir verlangen, so kommt die Handlung des Gegenübers nicht von Herzen,
sondern aus einem Gefühl von Schuld und Scham heraus.

Diese Art der lebensentfremdenden Sprache wird auch manchmal als Wolfssprache bezeichnet, die gewaltfreie
Sprache demgegenüber als Giraffensprache bezeichnet.

Wie funktioniert gewaltfreie Kommunikation?

Das Prinzip der gewaltfreien Kommunikation besteht aus vier wesentlichen Punkten:

  1. Beobachtung
  2. Gefühle
  3. Bedürfnisse
  4. Bitten

„Wenn ich a sehe, dann fühle ich b, weil ich c brauche. Deshalb möchte ich jetzt gerne d.“

Dieser Algorithmus kann sowohl auf die Aussagen des Gegenübers angewendet werden um dessen Gefühle
und Bedürfnisse herauszuarbeiten und widerzuspiegeln, als auch auf seine eigenen Äußerungen um sich nach
diesem Muster mitzuteilen.

1. Beobachtung

Hierbei ist wichtig, dass eine konkrete Handlung beschrieben wird und eine klare Trennung von Beobachtung
und Bewertung erfolgt.

Du bist großzügig.“ wäre hierbei in
Wenn ich sehe, dass du all dein Essensgeld weggibst, finde ich, dass du großzügig bist.
zu übersetzen.

Tom schiebt die Dinge vor sich her.“
wäre in
Tom lernt für seine Prüfungen erst am Abend vorher.“
zu transformieren.

Weitere Beispiele:
° „Karl war gestern völlig grundlos wütend auf mich.“ → Bewertung
°  „Klaus hat mich während des Meetings nicht um meine Meinung gebeten.“→ Beobachtung
°  „Jenny arbeitet zu viel.“ → Bewertung


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