Eigensprache

Was Sprache über uns verrät
und wie sie methodisch im Coaching genutzt werden kann

Abschlussarbeit von Eva Frigerio, als PDF lesen


1. Die Einzigartigkeit der Sprache

„Der Mensch enthüllt sich in seiner Sprache, verbal, paraverbal und nonverbal.
Diese Eigenschaft kommt in jedem Kommunikationsakt zum Ausdruck“
1

 

1.1 Sprache und Spracherlernung

Bereits im Säuglingsalter beginnt die Spracherlernung. Unser Gehirn fängt zu dieser Zeit an, Dinge aufzunehmen
und Regeln zu erkennen. Diverse Studien zeigen, dass schon sieben Monate alte Babys abstrakte Regeln lernen
können und die Muttersprache (gewohnte Phoneme) von anderen Sprachen (bisher nicht gehörte Laute)
unterscheiden können.2
Kinder lernen Sprache über die Kommunikation mit ihnen, sie gucken sich diese sozusagen ab. Selbst wenn wir
in komplexen und schwierigen Sätzen mit Kindern sprechen, können sie die Teile rausfiltern, die sie zum aktuellen
Zeitpunkt oder Entwicklungsstatus verarbeiten können. Ganz automatisch wird alles andere vom Kind schlichtweg
überhört.3 Somit findet der Spracherwerb über Zuhören und dadurch stetigem Wachstum in Wortschatz und
Wissen über die Regeln im Sprachgebrauch statt (auch ohne diese benennen zu können). Hätten wir unsere
Muttersprache ähnlich einer Sprache in der Schule gelernt, würden wir trotz des Wissens über grammatikalische
Regeln und gelernten Vokabeln, diese nicht in derartiger Perfektion beherrschen.

Für Kinder ist es einfacher eine Sprache zu lernen, als für Erwachsene. Voraussetzung hierfür ist, dass bis zu einem
bestimmten Alter Sprachinput stattgefunden haben muss. Vor dem Schulalter ist die sogenannte kritische Periode
der Spracherlernung. Erfolgt bis etwa zum 12./ 13. Lebensjahr keinerlei Kommunikation, kann auf Grund der
Veränderungen im Gehirn Sprache nicht mehr vollends erlernt werden.4 „Bis zum dritten Lebensjahr ist nur ein
bestimmter Bereich des Großhirns bei der Sprachverarbeitung beteiligt. Erst danach kommt mit dem Broca-Areal
langsam eine zweite zentrale Sprachregion dazu. Dieses Areal ist ein
wichtiges Sprachzentrum im Stirnbereich
des Großhirns, das vor allem komplexe sprachliche
Information verarbeitet, (…) wird das Areal mit zunehmendem
Alter nicht nur stärker
aktiviert, sondern auch zunehmend in das gesamte Sprachnetzwerk eingebunden.“5 Findet
während der Kindheit die Basis der Spracherlernung nicht im Großhirn statt, ist eine spätere Erlernung kaum mehr
möglich (siehe auch sogenannte „Wolfskinder“).

Für den Menschen ist Sprechen und Sprachverstehen eines der am schnellsten ablaufenden Prozesse, die es in dem
Gebiet der Motorik und Wahrnehmung gibt.6 Stephen C. Levinson hat herausgefunden, dass die Zeit zwischen
Sprachwechsel zwischen den Gesprächspartnern sehr kurz ist: In nur etwa 200 Millisekunden findet der Wechsel
zwischen Frage oder Aussage eines Sprechers und der Antwort des Gesprächspartners statt. Unser Gehirn braucht
mindestens 600 Millisekunden für die Generierung eines Wortes. Die Überschneidung zwischen Sprachverstehen
und Sprachproduktion ist so kurz, dass oftmals geantwortet wird, bevor wir über überhaupt nachdenken können.
Nicht selten werden daher Lückenfüller, wie beispielsweise Wiederholungen der Frage oder Füllwörter eingebunden,
um Zeit zum Denken zu gewinnen.7

 

1.2 Jeder Mensch hat seine eigene Sprache (Idiolekt)

„Geht man (…) in der persönlichen Sprachverwendung etwas tiefer und setzt
sich damit
auseinander, was du und ich mit den Wörtern, die wir verwenden
wirklich meinen, welche
Vorstellungen, Bilder und Erfahrungen mit jedem
Wort mitschwingen und sich ausdrücken,
dann ergibt sich:
Wir sprechen jeder eine Eigensprache.“8

Menschen lernen sprechen, um mit anderen über ein gemeinsames Grundvokabular und Grammatische Regeln
kommunizieren zu können. Wir haben innerhalb einer Sprache gleiche Regeln und Wörter, jedoch spricht jeder
Mensch einzigartig. Jedes Individuum bedient sich der Sprache auf seine Art und Weise. Daher rührt auch der
Begriff Eigensprache (Idiolekt). Dieser leitet sich aus dem griechischen (altgriechisch ἴδιος ídios, deutsch
‚eigentümlich, eigen‘) ab. Die Eigensprache umfasst den Sprachbesitz, das Sprachverhalten, Wortschatz und
Ausdrucksweise eines Sprechers.9 Eigensprache ist somit wie der sprachliche Fingerabdruck der Person.10

Die Eigensprache eines jeden Menschen kommt nicht über das Wort selbst zum Ausdruck, sondern über die
Prägung und Betonung, die der Sprecher dem Wort gibt. Es steckt viel mehr hinter einem Wort, als es uns
oftmals bewusst ist. So fragt man unterschiedliche Personen nach der Bedeutung eines Wortes, erhält man
jedes Mal verschiedene Antworten. Hier spielen die unterschiedlichsten Aspekte, beispielsweise wie wir uns
gerade fühlen, welche Erfahrungen wir mit dem Wort gemacht haben, welche Stärken oder Schwächen wir
haben, was wir mögen  oder nicht mögen, selbst die innere Wahrnehmung über unseren Körper, mit ein.
Wörter werden von unserem Gehirn mit Erfahrungen aus der Vergangenheit und Gegenwart verknüpft.
Studien aus der Neurowissenschaft haben herausgefunden, dass wir nicht nur Erfahrungen, sondern auch
den entsprechenden Körperzustand mit Wörtern verbinden und abspeichern. Dies spiegelt die immens
große Welt wider, die sich hinter einem Wort verbergen kann und das damit einhergehende entstandene
individuelle Bewertungssystem.11

Achtet man sehr genau auf die Eigensprache seines Gegenübers, liefert dieser weitaus mehr Informationen
als  den Inhalt seiner Mitteilung. Das bewusste Zuhören schafft einen Zugang zu seiner Welt, und liefert
Informationen über sein innerstes. Der Zugang erfolgt nicht nur über die genutzten Wörter, sondern die
Prägung und Verknüpfungen, die der Sprecher den Worten gibt.12 Von A. D. Jonas wurde das idiolektische
Konzept entwickelt, dass in unterschiedlichen Bereichen eingesetzt wird und die Eigensprache der Person in
den Mittelpunkt der Kommunikation rückt.

 

 


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Quellen bis hierher

1 Vgl. Bindernagel, Krüger, Rentel, Winkler (2012), S. 18
2 Spitzer, S. 69
3 Spitzer, S. 234
4 Spitzer, S. 236
5 https://www.mpg.de/sprache
6 Spitzer, S. 246
7 https://www.mpg.de/sprache
8 Vgl. Winkler (2012)
9 https://brockhaus.de/search/?t=enzy&q=idiolekt
10 Bindernagel, Krüger, Rentel, Winkler (2012), S.18
11 Winkler (2011)
12 Bindernagel, Krüger, Rentel, Winkler (2012), S.60