Falldokumentation über 5 Coaching Sitzungen a 60 Minuten

Abschlussarbeiten von Ursula Zahn, als PDF lesen


Erläuterung zum Beratungskontext

Ich bin als betriebliche Sozialberaterin in einem Unternehmen mit ca. 5000 Beschäftigten tätig. Zugang für
das Aufgabengebiet ist der Abschluss des Studiums „Soziale Arbeit“ und eine mehrjährige Berufserfahrung
in unterschiedlichen sozialen Arbeitsfeldern.

Meine Funktion und Rolle im Unternehmen ist klar definiert und fest verankert: Alle Beschäftigten auf allen
Organisationsebenen können eine psycho-soziale Beratung/Coaching in privaten oder beruflichen Belangen
in Anspruch nehmen. Die Inanspruchnahme der Sozialberatung ist freiwillig und für alle Beschäftigten kostenfrei.

Die Beratung ist vertraulich und unterliegt der gesetzlichen Schweigepflicht (SGB I §35/STGB § 203). Somit
habe ich keinerlei Berichtspflichten an weitere betriebliche Akteure, wie beispielsweise Vorgesetze, Persona-
labteilung, Betriebsrat, Betriebsarzt etc.

Gelegentlich wünschen MitarbeiterInnen eine Beratung außerhalb des Betriebsgeländes. Auf Wunsch oder
bei Bedarf besuche ich sie zu Hause oder – falls sich jemand in einer Fachklink aufhält (Psychosomatik/Sucht) –
auch dort.

Weitere Tätigkeitsfelder sind Mitwirkung in betrieblichen Gremien (Arbeits- und Gesundheitsausschuss,Mit-
wirkung beim betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM), und Beteiligung am betrieblichen Gesund-
heitsmanagement (BGM) ( z.B. Impulsvorträge zum Thema Stress, Alkohol, gesund Führen etc. zu halten).

Ich kooperiere mit anderen betrieblichen SozialberaterInnen aus anderen Unternehmen und tausche mich
in kollegialen Treffen alle 8 Wochen mit Ihnen aus.

 

Falldokumentation: Frau Yos (*Name frei erfunden)

Beratungskontext

Ort der Beratung: Büro der Sozialberatung (Eingangsbeschreibung). F. Yos legt mir per Outlook einen Termin
in meinen Kalender mit dem Betreff: „Benötige ihre Hilfe“.

F. Yos kommt pünktlich zum vereinbarten Ersttermin zu mir ins Büro. Sie ist 35 Jahre alt, gepflegtes Äußeres,
eine große schlanke Statur. Sie erlebte mich in einem Impulsvortrag zum Thema „Stressmanagement“ und bei
ihr entstand die Idee, mich zu kontaktieren. Bis dato glaubte sie, die Sozialberatung werde nur bei „schweren“
Problemen in Anspruch genommen (z.B. Alkoholproblematik, Krisen etc.).

 

Präsentiertes Anliegen

F. Yos berichtet, dass sie ein wichtiges Projekt erfolgreich abgeschlossen hat. Ihr Vorgesetzter (VG) hat sie
mehrmals bei Karrieresprüngen „übersehen“ und männliche Kollegen bevorzugt. Diesmal hat er ihr angeboten,
im nächsten Geschäftsjahr, die Leitung für ein Prestigeprojekt zu übernehmen. Hierfür muss sie in die Zentrale
nach Hamburg wechseln. Die Erwartungshaltung des VG ist, dass sie nach außen sichtbarer wird und mehr
„Nabelschau“ betreibt. Sie fühlt sich geschmeichelt, dass ihr Vertrauen entgegengebracht und Verantwortung
übertragen werden soll. Gleichzeitig ist sie sich nicht sicher, ob sie über ausreichende Führungskompetenzen
verfügt. Sie beschreibt die Betriebszentrale als „Haifischbecken“ (= großer Konkurrenzkampf).

Sie möchte ihren VG nicht enttäuschen, der Wechsel würde schließlich einen Karrieresprung bedeuten. Um das
Gefühl der Unsicherheit zu lösen und sichtbarer zu werden hat sie schon an Trainings für angehende Führungs-
kräfte teilgenommen. Auch ein Rhetorik Kurs wurde belegt, da sie gerne eine festere und stärkere Stimme haben
möchte. Immerhin wird sie jetzt von ihrem VG erkennbar wahrgenommen. Statt sich über das Angebot zu freuen,
macht es ihr Angst.

 

Klärung des Auftrages

F. Yos möchte ihren „Gedankensalat“ entwirren und Klarheit gewinnen, für welche berufliche Option sie sich ent-
scheiden soll (in Düsseldorf bleiben oder nach Hamburg gehen) und innerhalb der nächsten zwei Monate eine
Entscheidung treffen. (systemische Fragen: z.B. Was möchten Sie konkret mit der Beratung erreichen und woran
würden Sie erkennen, dass die Beratung hilfreich war? Bis wann möchten Sie eine Entscheidung treffen?)

 

Interventionen (Zusammenfassung 5 Sitzungen)

Systemische Interventionen (Pacing, Leading, Komplimente, Lob, Metaphern, Skalierungsfragen)

Unter Einsatz von o.g. systemischen Interventionen werden Aspekte beleuchtet wie: Was hindert Sie eine
Entscheidung zu treffen? Welche Überlegungen sind bereits vorhanden? Welche Pros/ Kontras hat sie im
Kopf? Für wen würde der Ortswechsel die größte Veränderung bedeuten? Wer würde am meisten/wenigsten
davon profitieren, wenn sie hier bleiben? Woran würden Sie erkennen, dass sie eine gute Entscheidung
getroffen haben? Welche Personen wären durch eine Veränderung aktiv oder passiv betroffen? Was ist das
Gute am „Nicht-Entscheiden“? etc.

Die linearen Fragen dienen der Informationsgewinnung, die zirkulären Fragen um Beziehungen zu erfragen
durch das Annehmen einer Außenperspektive.

 

„Spielfiguren“

Darüber hinaus setze ich bei F. Yos eine Methode mit Spielfiguren ein (größere „Menschärgere-Dich-nicht“
Figuren). Als erstes stellt Frau Y. eine Figur für sich selbst auf den Tisch. Sie bekommt einen Haftzettel mit
ihrem Namen dran. Dann stellt sie die Menschen dazu, die eine besondere Rolle in ihrem Leben spielen.
Eltern, Freunde/ Freundinnen, Expartner, Vorgesetzter, Kollegen, Kunden etc.

Sie stellt jede Figur mit Namensschild versehen, neben ihre Figur auf den Tisch. Beim Hinstellen soll sie
berücksichtigen, wie nah oder fern der andere ihr ist. Und sie soll auch überlegen, in welcher Beziehung
sie zu dem anderen steht. Ist der andere ein Unterstützer ihres Vorhabens oder ein Bedenkenträger? Von
wem bekommt sie Energie, wer zieht welche ab?

Die Idee ist, dass Frau Yos die Möglichkeit hat, sich ihr System von außen anzuschauen. Es handelt sich hierbei
nicht um eine Familien-oder Organisationsaufstellung mit der ihr eigenen Dynamik. Der „Draufblick“ oder die
Meta-Ebene, ermöglicht ihr zu erkennen, dass sie im persönlichen System (Freunde) viele Unterstützerhat.
Auch im beruflichen System hat sie sich ein Netzwerk aufgebaut, das ihr den Rücken stärkt, nebenbei erkennt
sie ihre Stärke (Teamplayerin). Das familiäre System zieht ihr Energie ab (fühlt sich für ihre kränklichen Eltern
verantwortlich). Ihre Ortsverbundenheit ist ihr „sicherer Hafen“, gleichzeitig spürt sie den Wunsch, mehr von
der Welt zu entdecken.

 

Tetralemma – Entscheidungsmöglichkeiten identifizieren (VAKOG)

Im Weiteren identifizieren wir die verschiedenen Entscheidungsmöglichkeiten, wobei mir hier sinnvoll erscheint,
neben den Varianten Düsseldorf/Hamburg noch weitere Entscheidungsmöglichkeiten anzubieten (Was gäbe es
noch?). Jede Variante wird mit einem Zettel auf den Boden gelegt.

A) Düsseldorf / B) Hamburg / C) weder Düsseldorf noch Hamburg / D) Düsseldorf und Hamburg gleichzeitig /
E) „Neutraler Ort“ (Bodenanker)

Beschreibung: F. Yos. steht in der Mitte (neutraler Ort) und betrachtet die Entscheidungsmöglichkeiten. Ich
führe Sie durch den Prozess:
„Wenn Sie nun diesen neutralen Ort verlassen und sich auf eine Entscheidungssituation hinbewegen, dann
versuchen Sie sich für diese neue Erfahrung zu öffnen. Und jetzt, da sie auf der Entscheidungssituation
(hier wurde A, B, C, D eingefügt) stehen, können sie spüren, wie sich
das anfühlt, wenn Sie sich für die Ent-
scheidungsmöglichkeit entschieden hätten. Stellen Sie
sich vor, sie haben sich für diese Situation entschieden,
spüren sie mit ganzen Sinnen nach,
wie sich das anfühlen würde. Was sehen sie? Was hören sie? Was fühlen
sie? Welche
Körperempfindungen haben sie? Welche Gedanken haben sie? Tauchen da Bilder auf? Wenn ja,
welche?

Ich achte darauf, dass F. Yos die Situation assoziiert erlebt (VAKOG) und keine Bewertungen oder Vergleiche
mit anderen Entscheidungssituationen macht. Die Antworten schreibe ich auf Karten und lege sie zu der Ent-
scheidungssituation. Nach jeder Entscheidungssituation wird der neutrale Ort aufgesucht und die vorherigen
körperlichen Empfindungen „weggestrichen“.

Es findet eine Wiederholung, jeder Entscheidungsmöglichkeit statt, bis F. Yos jede einzeln nachgespürt hat.
Ich bitte sie wieder in die Mitte zu gehen (neutraler Ort) und die verschiedenen Entscheidungsmöglichkeiten
zu betrachten. Auf die Frage: „Welche Entscheidungsmöglichkeit zieht sie spontan an?“ antwortet sie lächelnd:
Variante B (Hamburg)“.

 

Logische Ebenen

Die Intention hierbei ist, dass sie in Kontakt kommt mit ihren Fähigkeiten, Werten, ihrer Identität und dem Sinn
des Lebens, damit sie jede Entscheidungsmöglichkeit – aber insbesondere die Entscheidung „Hamburg“ – neu
nachspüren kann. Ich bitte Sie zu beschreiben, was ihr in ihrem (beruflichen) Leben wichtig ist. Welche Werte
würde sie leben wollen? Welche lebt sie schon? Wie sieht sie sich selbst, wer wäre sie in München? Wozu ist sie
bereit? Ich bitte sie ihr (berufliches) Leben so zu gestalten, wie sie es möchte, sie soll in ihrer Vorstellung ganz
frei sein, ohne zu berücksichtigen, ob es realistisch ist. Ich orientiere mich an den logischen Ebenen von Dilts.

Ich lege erneut Zettel auf den Boden aus, diesmal mit den logischen Ebenen aus (s.u.) und begleite sie durch
den Prozess.

Umfeld: Wie würde ihr (berufliches) Umfeld aussehen? Wie würden sie es gestalten?
Verhalten: Wie würde sie sich verhalten? Was tun sie schon?
Fähigkeit: Welche Fähigkeiten würden sie in den Vordergrund bringen, weiterentwickeln oder sich
aneignen wollen? Welche haben sie schon?
Werte: Was wäre ihnen wichtig in diesem (beruflichen) Leben? Welche Werte würden sie leben wollen?
Welche leben sie schon?
Identität: Wie würden sie sich selbst sehen? Was wären sie für eine Person? Zu was sind sie bereit?
Sinn: Welchen Sinn würden sie ihrem (beruflichen) Leben geben?

 

Ihre Antworten, Kurzskript: Sie wirkt in Hamburg, hat dort ein eigenes helles Büro, lebt im Zentrum
in einem kleinen Appartement. Sie legt Wert auf gepflegtes, äußerliches Aussehen und ist im Verhalten
gegenüber VG und Kollegen verbindlich, pünktlich, freundlich, als Teamplayerin verfügt sie über eine
hohe Sozialkompetenz. Aufgrund ihrer offenen Art hat sie sich in Hamburg ein neues soziales Netzwerk
aufzubauen. Sie musiziert, pflegt ihre Sprachkenntnisse (spricht vier Sprachen). Hat ein Ingenieur-
Studium und verfügt über Expertenwissen, kann die Fäden gut zusammenhalten u. Kollegen/innen
einbeziehen sowie schwierige Kundengespräche führen. Wird von ihren Kollegen geschätzt und geachtet.
Sie glaubt noch besser sein zu müssen und es fehle ihr an FK- Qualitäten (Mut, Entschlossenheit, Durch-
setzungsvermögen usw.)

Es wird deutlich, dass F. Yos einen inneren Konflikt at, die Rolle „FK“ anzunehmen. Wir „philosophieren“
über Führungsfragen und Ausgestaltung der Rolle. Als FK bin ich nicht mehr Teil der Mannschaft. Ich
verliere den Schutz des Schwarms. Ich bin dann Teil der Hierarchie. Als FK habe ich Verantwortung für
meinen Bereich und meine Leute, auch wenn es mir nicht gefällt. Es gibt keine machtfreien Räume. Der
Begriff „Macht“ hat für viele eine dunkle Seite, weshalb viele wohlmeinende VG glauben, es sei klug nie
Macht auszuüben. Die MA haben ein Recht darauf, das ihr VG klare Aussagen tätigt. Sie haben ein Recht
auf Orientierung. Je dünner die Luft, desto wolkiger und vieldeutiger die Kommunikation.

Ich erläutere, F. Yos, wann immer wir zurückweichen, von dem was wir eigentlich wollen, handelt es sich
um einen inneren Konflikt. Zwei gleich große Kräfte stoßen aufeinander und produzieren dadurch einen
Stillstand.  Die eine Kraft sagt „Voran“, die andere sagt „Stopp“. Das Ergebnis ist ein dynamisches Stecken-
bleiben. Es geht darum, die Stopp Energie zu respektieren, zu lernen herauszufinden, woher sie kommt und
warum sie sie abhält, das Abenteuer „Hamburg“ zu suchen. Das ist ähnlich unserer Angst, die uns durchaus
nicht immer nur hindert, sondern die uns oft auch davor bewahrt zu große Risiken einzugehen. Ich schlage
Ihr eine Kraftfeldanalyse vor. (Sammlung hemmender und förderlicher Faktoren)

Hier beschreibt F. Yos als hemmende Faktoren: u.a. fehlender Mut, Vorsichtigkeit, wenig Durchsetzungskraft,
Verantwortungsgefühl gegenüber den Eltern.

Bei den förderlichen Faktoren: u.a. gutes Fachwissen, Neugier, Teamplayerin, gute kommunikative Fähigkeiten,
Expertenwissen.

Ohne dass ein therapeutischer Prozess eröffnet wird, ist es meines Erachtens auch im Coaching gelegentlich
hilfreich, in die Vergangenheit zu schauen, wenn hemmende Faktoren (=Gefahr) wahrgenommen werden,
die einen in der Gegenwart am Tun hindern. Ich frage F. Yos , wann das Gefühl der Vorsichtigkeit zum
ersten Mal auftauchte? Woher sie es kennt?

Möglicherweise stammt in ihrem Fall das Gefühl der Gefahr aus ihrer früheren Kindheit.

Erläuterung: F. Yos wuchs mit einer älteren Schwester in einer Kleinstadt im Rheinland auf (Bedburg-Hau).
Ihre Eltern hatten ein Fischgeschäft, das schlecht lief. Am Monatsende war das Geld oft knapp und es gab
Streitigkeiten. Die Eltern standen von morgens bis abends im Geschäft und pflegten am Abend noch soziale
Kontakte (Schützenverein, Kegelverein). Sie lebten über ihre Verhältnisse und insbesondere der Vater wollte
sich als „Geschäftsmann“ in der Stadt präsentieren. Es gab oft Streitigkeiten, in denen der Vater regelmäßig
mit Trennung drohte. Wenn beide Eltern unterwegs waren, war sie oft mit ihrer 5 Jahre älteren Schwester
am Abend allein zu Hause.

Sie hatte immer Angst, dass der Vater die Familie verlässt. Das stellte für sie als Kind eine Bedrohung dar.
Sie berichtet von Abenden, an denen sie so lange wach blieb, bis der Vater von seinen „sozialen Aktivitäten“
heim kam, erst dann konnte sie beruhigt einschlafen.

Ich erläutere ihr, dass es Vorstellungen gibt, die tief in Menschen lagern. So tief, dass sie kaum zu Bewusstsein
kommen. Dennoch sind diese Vorstellungen wirksam, führen quasi ein Eigenleben, soufflieren dem Einzelnen,
wie sie sich zu sehen und vor allem aber zu verhalten hat. Sie hat früh in Unsicherheitserleben erfahren und für
sich die Vorstellung entwickel, „sei vorsichtig“. Hilfreich ist es, diese Empfindungen zunächst schlicht anzuer-
kennen. Wenn man dann noch versteht, woher sie kommen und das sie einmal sehr hilfreich waren, dann wird
es leichter sich daraus zu lösen.


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