Psychoedukative Elemente im Coaching

Abschlussarbeit von Sarah Maschek, als PDF lesen


Vorwort

Einige Monate bevor ich die Ausbildung zum systemischen Coach bei InKonstellation begann, habe ich meinen
Master in Psychologie abgeschlossen. Da mir im Studium besonders praktische Übungen zur Gesprächsführung
fehlten, beschloss ich, diese Erfahrung im Rahmen einer Zusatzausbildung nachzuholen bzw. zu ergänzen. Da eine
Therapeutenausbildung für mich nicht infrage kam und zugleich der Themenbereich Positive Psychologie für mich
besonders interessant war, war relativ schnell klar, dass ich in Richtung systemisches Coaching gehen möchte.

Als ich im Rahmen der Coaching-Ausbildung von dem Begriff “psychoedukative Maßnahmen” hörte, wusste ich,
dass dies für mich eine gute Gelegenheit darstellen könnte, mein Wissen aus dem Psychologiestudium nun, da wo es
passend erscheint, im Rahmen von Coaching-Gesprächen einzubringen. Um mich optimal auf diese vorzubereiten,
habe ich beschlossen, meine Hausarbeit verschiedenen psychoedukativen Maßnahmen zu widmen, um so auch mein
Wissen in diesem Bereich noch einmal aufzufrischen und zu ergänzen.

Im Folgenden werden zu den genannten Modellen auch die literarischen Quellen genannt. Wichtig ist es mir, an
dieser Stelle, aber ebenfalls anzumerken, dass die Idee dazu, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, durch unsere
Trainerin Nadine Nierentz inspiriert ist, die im Zuge der Erläuterung des Begriffs Circle of Influence auch den
Ausdruck “psychoedukative Elemente” einbrachte. Im weiteren Verlauf der Coaching-Ausbildung erfuhr ich zudem
– über unsere Trainer Nadine Nierentz und Manfred Wagner – dass auch Attributionsstile sowie das Modell der
Trauerkurve, welche ich beide aus dem Psychologiestudium kenne, im Coaching zum Einsatz kommen (können)
und hatte die Gelegenheit, zur Trauerkurve noch Verständnisfragen zur praktischen Anwendung zu stellen. Das im
Folgenden außerdem vorgestellte Modell der Kontroll-Wert-Theorie, welches zur Stressreduktion eingesetzt werden
kann, habe ich wiederum im Bachelor-Studium kennengelernt und selbst häufig angewendet oder im privaten
Umfeld eingebracht. An dieser Stelle fließen also auch eigene Praxiserfahrungen mit in diese Hausarbeit ein.

Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in dieser Hausarbeit die männliche Sprachform bei personenbezogenen
Substantiven und Pronomen verwendet. Dies impliziert jedoch keine Benachteiligung des weiblichen Geschlechts,
sondern soll im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsneutral zu verstehen sein.

 

Einführung

Wenn ich eines in der Coaching-Ausbildung gelernt habe, dann ist es dies: Ein guter Coach stellt gute Fragen. Ab
Beginn der Ausbildung musste ich mir immer wieder vor Augen halten, dass man als Coach nicht für die Lösung des
Coachees verantwortlich ist, sondern dafür, den Prozess der Lösungsfindung bestmöglich zu begleiten. Und das
gelingt umso erfolgreicher, je besser die Fragen des Coaches sind. Durch kreative Fragetechniken unterstützt der
Coach sein Gegenüber darin, verschiedene Perspektiven einzunehmen, Für und Wider in einer
Entscheidungssituation zu betrachten, das Problem zu würdigen, positive Ausnahmen zu erkennen und vor allen
Dingen, Ressourcen und Stärken wahrzunehmen, zu stärken und mögliche Lösungsansätze zu entwickeln.

Der Coach grenzt sich vom Berater also unter anderem dadurch ab, dass er (in der Regel) eben nicht von sich aus
Lösungsvorschläge anbietet. Vielmehr wird der Coachee als Experte seiner Situation betrachtet, dessen Wissen wir
durch Fragetechniken nur zutage fördern müssen. Nichtsdestotrotz können kleine, sogenannte psychoedukative
Elemente im Coaching-Prozess förderlich sein. Dabei geht es darum, dem Coachee komplexe Sachverhalte über die
Funktionsweise der Psyche als leicht verständliche Wissens-Nuggets mit auf den Weg zu geben. Im Zuge dessen
werden also eher verallgemeinernde Konzepte erläutert, ohne die Lösung für die individuelle Situation des Coachees
vorwegzunehmen. Allerdings kann diesem durch das bessere Verständnis intrapsychischer Prozesse eine veränderte
Perspektive auf seine eigene Situation ermöglicht und so ggf. auch die Lösungsfindung erleichtert werden.

Wichtig zu beachten ist, dass für die im Folgenden vorgestellten Modelle gilt: Sie versuchen komplexe Sachverhalte
vereinfacht darzustellen. Das bedeutet, nicht bei jedem Menschen lässt sich jedes Modell 1:1 anwenden. Es kann also
sein, dass ein Coachee bspw. eine Phase eines vorgestellten Phasen-Modells nur kurz erlebt oder gar übersprungen
hat. In so einem Fall ist weder das Modell falsch, noch könnte man unterstellen, dass mit dem Coachee “etwas nicht
stimmt”. Somit gilt es auch bei dem Einsatz von psychoedukativen Modellen, Fingerspitzengefühl zu beweisen und
auch dem Coachee den Hintergrund der Modelle zu erläutern.

 

Vier psychoedukative Modelle

Im Folgenden sollen exemplarisch vier mögliche psychoedukative Maßnahmen vorgestellt werden, welche im
Coaching-Prozess zum Einsatz kommen können.

Circle of Influence

Im Buch “The 7 Habits of Highly Effective People” von Stephen R. Covey (1989) wird die Theorie des Circle of
Influence
anschaulich erklärt. Im Alltag gibt es viele Themen, die uns beschäftigen: unsere Finanzen, unsere
Gesundheit, die Familie, der Job, das Rentensystem, die Möglichkeit, dass ein Atomkrieg ausbricht …

Nur der Vollständigkeit halber: Es gibt auch Themen, die uns gedanklich oder emotional gar nicht oder kaum
beschäftigen, diese fallen in den Bereich No Concern, sollen uns an dieser Stelle aber erst einmal nicht weiter
beschäftigen. Alle anderen Themen gehören in den sogenannten Circle of Concern. Innerhalb der Themenfelder, die
uns gedanklich und emotional beschäftigen, gibt es einige, auf die wir nicht wirklich einen Einfluss haben, andere
hingegen können wir beeinflussen. Diese Teilmenge des Circle of Concern nennt sich Circle of Influence.

 

Interessant wird es, wenn man sich ansieht, wofür der Coachee die meiste Zeit und Energie einsetzt: für Themen, über die er keine Kontrolle hat, oder für solche, die sich von ihm beeinflussen lassen. Stephen R. Covey unterscheidet an dieser Stelle zwischen Proaktivität und Reaktivität.

Wenn wir unsere Energie beispielsweise darauf verwenden, uns über die Schlange an der Supermarktkasse aufzuregen, über den Straßenverkehr zu ärgern oder darüber, dass der Zug wieder zu spät ist, verhalten wir uns reaktiv statt proaktiv.

Stattdessen könnten wir uns aber auch fragen: “Was kann ich tun, um nicht in dieser Situation zu landen?”, oder,
wenn ich mich bereits in einem dieser Szenarien befinde: “Was könnte ich tun, um besser mit der Situation
umzugehen?” Reaktive Verhaltensweisen und Gedanken konzentrieren sich darauf, Schuld zuzuweisen und bergen
Potenzial, ein Gefühl der Viktimisierung zu entwickeln. Dabei werden Bereiche, in denen wir durchaus etwas
bewirken können, vernachlässigt und unser Circle of Influence schrumpft.

Wir können uns allerdings auch bewusst entscheiden, uns auf die Dinge zu konzentrieren, die wir beeinflussen
können – unseren Circle of Influence –, und somit für proaktive Verhaltensweisen, wodurch sich wiederum unser
Circle of Influence vergrößert

 

Durch diese Entscheidung gehen wir proaktiv statt reaktiv mit den Situationen um, in denen wir uns sonst  möglicherweise rein aufs Ärgern versteift hätten. In der Schlange an der Supermarktkasse könnten wir uns beispielsweise entscheiden, in der Zeit, in der wir nun warten müssen, bewusst einmal “runterzufahren” und uns auf unseren Körper und unsere Atmung zu konzentrieren. Oder man nutzt die Zeit, um E-Mails zu beantworten oder
Hörbücher zu hören. Zugleich können wir uns teilweise auch darauf vorbereiten, nicht mehr in gewissen Situationen zu landen. Ob wir uns nun entscheiden, zu einer anderen Uhrzeit, an einem anderen Standort oder gar online einzukaufen: Wir gehen in die aktive Rolle, statt uns einer Situation ausgeliefert zu fühlen.

 

Durch den Wechsel der Perspektive vom Circle of Concern zum Circle of Influence können wir unser Gefühl der
Handlungsfähigkeit bestärken und uns gleichzeitig bewusst entscheiden, ob wir den negativen Gedanken
nachgehen oder unseren Blickwinkel verändern wollen.

Abschließend möchte ich einen Abschnitt aus “The 7 Habits of Highly Effective People” zitieren, der die
vorgenannten Unterschiede noch einmal verdeutlicht:

“Anytime we think the problem is ‘out there’, that thought is the the problem. We
empower what’s out there to control us. The change paradigm is ‘outside-in’— what’s
out there has to change before we can change. The proactive approach is to change
from the inside-out: to be different, and by being different, to effect positive change
in what’s out there—I can be more resourceful, I can be more diligent, I can be more
creative, I can be more cooperative.”

(Stephen R. Covey, The 7 Habits of Highly Effective People, 1989, S. 89)

 


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