Krieg – insbesondere der zweite Weltkrieg

im Kontext systemischer Aufstellungen

Abschlussarbeit von Ursula Ungefug, als PDF lesen


I. Einleitung

Im Laufe meiner langjährigen Beschäftigung mit systemischer Aufstellungsarbeit konnte ich sowohl als Aufstellerin
als auch als Stellvertreterin die systemische Ordnung erfahren und daraus wertvolle Einblicke und Erkenntnisse
gewinnen. Diese Vorerfahrungen veranlassten mich, eine Ausbildung zur Aufstellungsleiterin zu absolvieren.

Während meiner Ausbildung zur Leiterin für systemische Aufstellungen lernte ich verschiedene Arten von
Aufstellungen kennen, die mich sehr interessierten. Mir fiel auf, dass das Thema Krieg immer wieder auftaucht
und oft eine wichtige Rolle im System innehat.

Bei der Teilnahme an den Peergroups im Rahmen meiner Ausbildung wurde ich massiv mit dem Thema der
Auswirkungen des zweiten Weltkrieges in unterschiedlichen Systemkonstellationen konfrontiert. Daher möchte
ich diese Erfahrungen zum Anlass nehmen, mich im Rahmen dieser Ausarbeitung damit auseinander zu setzen.

 

II. Aufstellungen und Beobachtungen

In verschiedenen Stellvertreterrollen erlebte ich immer wieder die Aufstellung von Personen, die im Krieg waren z.B.
als Soldaten, die nach dem Krieg traumatisiert heimgekehrt oder im Krieg gefallen waren und um die in der Familie
getrauert wurde. Frauen, die im Krieg vergewaltigt und getötet, oder teils aufgrund solcher Erfahrungen Selbstmord
begangen hatten, blieben in den Familiensystemen wirksam. Es zeigt sich in Aufstellungen, dass besonders wenn die
betroffenen Personen und Ereignisse in der Familie verschwiegen werden, sie weitere Generationen belasten.

Immer wieder zeigten sich schwere Schicksale, welche die Familien über Generationen hinweg in ihrem System
beeinflussten. Diese Schicksale traten immer wieder als generationsübergreifend empfundene Belastung für das
ganze Familiensystem auf.

Im Rahmen der Familienaufstellung konnte diese Belastung, die im Kontext systemischer Aufstellung `Verstrickung´
genannt wird, dann gelöst werden.

Dies erfolgt z.B., indem in der Aufstellung der Stellvertreter des Klienten dem Stellvertreter des im Krieg gefallenen
Großonkels gegenübertritt und dessen Schicksal achtet und die emotionale „Ladung“ an die betroffene Person
zurückgibt. So lösten sich beispielsweise Klienten aus Verstrickungen mit den Schicksalen von Familienmitgliedern
vorheriger Genrationen.

So konnte sich in einer Aufstellung z.B. die Aufstellerin/deren Stellvertreterin, die ihrer gewaltsam zu Tode
gekommenen Großmutter (deren Stellvertreterin) gegenübertrat, um deren Schicksal anzuerkennen und zu achten,
dadurch aus ihrer Schicksalsverstrickung befreien, um sich nun einem selbstbestimmten Lebensentwurf zuwenden
zu können.

 

Exkurs – Familienaufstellung

Die Herkunftsfamilie ist ein System, dass man nicht verlassen kann. In seine Familie wird man hineingeboren und
bleibt Zeit seines Lebens diesem System verbunden.

Auch bei räumlicher Trennung, wenn z.B. jemand seine Herkunftsfamilie verlassen hat oder von dieser geleugnet
wird, wirken diese Angehörigen im System weiter. Ähnlich einem Mobilé, dem ein Element abgeschnitten wird,
bekommt das System eine Schieflage.

Im Rahmen der systemischen Aufstellung ist es möglich, das Familiensystem wieder in seine grundlegende Ordnung
zu bringen. So wird zunächst das System der Familie in seinem Ist-Zustand aufgestellt und damit die Schieflage
sichtbar gemacht.

Ein System ist, ähnlich chemischen Elementen, die immer nach Vollständigkeit streben, ebenfalls bestrebt, sich aus
einem Zustand der Unvollständigkeit/Unvollkommenheit wieder zu vervollkommnen und aus einer Schieflage
wieder zu balancieren. Diese Dynamik des Systems wird vom Aufstellungsleiter z.B. durch gezielte systemische
Fragen und Interventionen unterstützt. So kann das System der Familie heilen und seine Grundordnung/
Vollständigkeit wieder herstellen.

In der systemischen Aufstellungsarbeit wird ferner davon ausgegangen, dass belastende Erfahrungen über mehrere
Generationen im Familiensystem wirken. Daraus erklärt sich, dass sich die Auswirkungen eines solchen belastenden
weltgeschichtlichen Ereignisses wie dem zweiten Weltkrieg, noch in systemischen Aufstellungen weiterer
Generationen als ein wichtiges Element zeigen werden.

Anhand folgender Zusammenfassung einer Aufstellung möchte ich die Relevanz des Themas exemplarisch darstellen:

Das Vorgespräch:
Eine Frau Ende vierzig, verheiratet, selbst Mutter und Großmutter, berufstätig kommt mit folgendem Anliegen: Sie
leidet Zeit ihres Lebens darunter, dass ihr mittlerweile verstorbener Vater sich zwar materiell aber nicht menschlich
um sie gekümmert habe. Sie habe sich so sehr gewünscht, von ihm als Tochter gesehen zu werden und Anerkennung
zu bekommen.

Der Vater hatte von Kindheit an einen engen Bezug zu Pferden und ein eigenes Pferd. Von diesem erzählte er sein
ganzes Leben lang zu jeglichem Anlass, der sich ihm bot. Diese Auffälligkeit wurde vom Aufstellungsleiter
aufgegriffen und die Aufstellung folgendermaßen begonnen:

Die Aufstellung:
Der Vater und sein Pferd werden aufgestellt:

Der Vater fühlt sich emotional so sehr mit seinem Pferd verbunden, dass er selbst zum Pferd wird – er fühlt sich in
seiner körperlichen und emotionalen Wahrnehmung als Pferd.

Er fühlt und erlebt die tiefe, bedingungslose Loyalität seines Pferdes.

Mit diesem wird er als junger Mann in den Krieg geschickt. Dort erkrankt er schwer und wird per Krankentransport
zurück in die Heimat geschickt. Sein Pferd bleibt im Krieg zurück. Hier wurden der Krieg und die Heimat als
Stellvertreter mit in das systemische Feld gestellt

In der Aufstellung zeigt sich, dass der Vater den Verbleib seines Pferdes im Krieg als persönliches Versagen, ja als
Verrat an seinem Pferd, welches ihm ein immer loyaler Gefährte war, empfand.

Diese Bewertung spiegelte sich im Verlauf seines weiteren Lebens darin, dass er nach seiner Genesung und
Kriegsende ein unstetes Leben, sowohl im Privaten als auch in beruflicher Hinsicht führte. Er nahm seine
Verantwortung als Ehemann und Vater wahr, konnte jedoch keine emotionale Beziehung zu seiner Familie eingehen.
Auch im Beruf hielt es ihn nie lange an einem Ort. Obwohl er seinen Beruf sehr kompetent ausübte und daher sehr
geschätzt wurde, wechselte er bis zur Berentung alle paar Jahre seinen Arbeitsplatz.

Im Verlauf der Aufstellungsdynamik entwickelte sich das Lösungsbild:
Der Vater, das Pferd, die Heimat, der Krieg und die Kameraden wurden als Stellvertreter ins systemische Feld
gestellt und durch entsprechende Interventionen des Aufstellungsleiters zusammengeführt. Im Rahmen dieser
Zusammenführung aller Beteiligten konnte der Vater das Geschehene als solches anschauen und als Schicksal
annehmen. Dies befreite ihn von seinem Schuldgefühl des Versagens und gab somit den Blick frei auf seine Familie
insbesondere auf seine Tochter.

Die Tochter, die nun endlich von ihrem Vater gesehen wurde, war sehr froh über die Auflösung dieser Belastung.
Diese Beobachtungen und Erfahrungen in der Aufstellungsarbeit sind immer wieder Momente, die tief berühren und
beeindrucken.

An dieser Aufstellung wird meines Erachtens deutlich, dass der zweite Weltkrieg auf verschiedenen Ebenen nicht
nur im Leben des jeweils Betroffenen, sondern über Generationen hinweg das Leben vieler Menschen beeinflusst
und belastet.

III. Zusammenfassung und Schlusswort

Krieg als aufstellungsrelevantes Thema.

Es gab und gibt viele verschiedene Kriege auf dieser Welt und die unterschiedlichsten Arten der Kriegsführung. Ich
habe hier keine wissenschaftliche Arbeit angestrebt. Sondern versucht, meine Beobachtungen und Erfahrungen zum
Thema Krieg fest zu halten. Daher beschäftigt sich meine Ausarbeitung im Wesentlichen mit dem zweiten Weltkrieg
im Kontext systemischer Aufstellungen.

Ich selbst habe über diesen Krieg lediglich aus Erzählung meiner Eltern und Großeltern Informationen erhalten.
Daher war die Stellvertretererfahrung, in verschiedenen systemischen Aufstellungen als „der zweite Weltkrieg“
aufgestellt zu werden, für mich bemerkenswert und sehr interessant. Ich habe mich in dieser Stellvertreterposition
als emotional neutral erlebt und war eher verwundert darüber, wie betroffene Stellvertreter mit Angst, Schrecken
oder auch Wut, d.h. extrem emotional, auf die Aufstellung des Elements „Krieg“ reagiert haben.

Dies erscheint durchaus logisch, denn der Krieg als solches ist ein Begriff. Erst die Erfahrungen, die Menschen damit
verbinden, sind erschreckend und ängstigend.

In den Aufstellungen nahm ich aus der Position des Krieges, alle schrecklichen Taten wahr.

Und genau dieses Hinsehen, Anschauen und Würdigen, also Anerkennen, was geschehen ist, habe ich als heilend für
das System in den Aufstellungen erlebt.

So möchte ich meine Arbeit mit folgendem Zitat frei nach Bert Hellinger schließen:
„Friede kehrt ein, wenn die Vergangenheit, Vergangenheit sein darf!“

…dem habe ich nun nichts mehr hinzuzufügen!

 

Literaturhinweise:

Was die Seele krank macht und was sie heilt von Thomas Schäfer erschienen im Knaur MensSana Verlag
Anerkennen was ist von Gabriele ten Hövel und Bert Hellinger erschienen im Köselverlag
Familientherapie ohne Familie von Thomas Weiss und Gabriele Haertel-Weiss erschienen im Piperverlag


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