Der Coach im Zwiespalt

Abschlussarbeit von Anja Hechler, als PDF lesen


1. Problemstellung und Zielsetzung

Im Arbeitsalltag trifft der Coach meiner Erfahrung nach immer wieder auf die Erwartungshaltung seiner
Klienten nach Ratschlägen für das Lösen von Problemsituationen. Ziel eines Coachings ist jedoch, dem
Klienten durch das Anwenden verschiedenster Interventionen, Möglichkeiten anzubieten, die seine Per-
spektive auf die Problemsituation erweitern. Dabei wird der Klient vom Coach so unterstützt, dass er selbst
Lösungen entwickelt. Das Erteilen von Ratschlägen gehört nicht in das Feld des Coachings.

Der Coach wird jedoch häufig aufgrund seiner Erfahrung und seines Expertenwissens beauftragt. Das kann
in der Arbeit mit einem Klienten einen Zwiespalt beim Coach auslösen. Der Coach will einerseits nicht die
Erwartungshaltung enttäuschen und andererseits den Klienten unterstützen sowie den Auftrag nicht verlieren.

Die nachfolgende Ausarbeitung widmet sich diesem Thema. Dabei werden zuerst die Definitionen und
Bedeutungen von Coaching und Beratung vorgestellt und dann die Unterschiede und Gemeinsamkeiten
zwischen beiden Formaten herausgestellt.
Anschließend wird der Zwiespalt, in den der Coach geraten kann, erörtert. Danach werden von mir verschiedene
Möglichkeiten der Vermeidung sowie des Umgangs mit dem Zwiespalt aufgezeigt und abschließend ein Fazit
gezogen.

 

2. Definitionen und Bedeutungen von Coaching und Beratung

Zur Verdeutlichung des Zwiespalts widme ich mich in diesem Punkt zunächst den Definitionen und
Bedeutungen der aus meiner Sicht tangierten Formate.

 

2.1 Definition und Bedeutung von Coach und Coaching

Das Wort „Coach“ kommt aus dem Englischen und bedeutet Kutsche. In der Studentensprache wurde dieser
Begriff ursprünglich für einen privaten Tutor benutzt, im Sinne von „jemand, der einen weiterbringt“
(Quelle: Duden).
Der Coach kann metaphorisch als Kutscher gesehen werden, der die Pferde zu betreuen, zu leiten und ihnen
den Weg zu weisen hat, damit der Fahrgast sein Ziel erreicht, dass nur er selbst kennt.

Das wiederum übertragen, bedeutet, dass der Coach eine Art Begleiter bei einem interaktiven und personen-
zentrierten Prozess ist. Der Coach maßt sich nicht an, die eine Lösung für den Klienten zu kennen, sondern
versteht sich als Begleiter des Klienten auf dem Weg zur Lösung. Nur der Klient kennt sein (Fahr-)Ziel und
kann somit nur selbst die für sich beste Lösung finden. Folglich ist Coaching lösungsorientiert mit Fokus auf
das Ziel. Coach und Klient sind dafür gleichermaßen gefordert. Die Freiwilligkeit des Klienten und auch des
Coaches ist schon aufgrund des Formats gegeben.

Im Vordergrund des Coachings stehen berufliche Themen und Anliegen des Klienten.

Die für mich persönlich einfachste und klarste Definition, natürlich mit dem Hintergrund meines inzwischen
während der Ausbildung zum systemischen Coach erworbenen Fachwissens, ist:

Coaching ist Hilfe zur Selbsthilfe

Mit dieser Definition ist beispielsweise das Vorgeben von Lösungen für Themen des Klienten ausgeschlossen.
Außerdem drückt diese Definition für mich aus, dass sich beide – Coach und Klient – auf gleicher Augenhöhe
begegnen und eine vertrauensvolle Basis haben. Hilfe zur Selbsthilfe kann aus meiner Sicht nur dann gleistet
werden, wenn der Coach die Themen bzw. Anliegen des Klienten wirklich kennt und versteht. Im systemischen
Sinne meine ich damit nicht nur die Themen selbst, sondern auch die Berücksichtigung der Wechselwirkungen
im System des Klienten (z.B. Familie, Partnerschaft, Freunde etc.). Auch diese gilt es zu erkunden.

 

2.2 Definition und Bedeutung von Berater und Beratung

Als Berater wird eine Person verstanden, die (berufsmäßig auf ihrem Fachgebiet) Rat erteilt (Quelle: Duden).
Diese Definition setzt voraus, dass es einen Ratsuchenden gibt. Somit ist auch hier die Freiwilligkeit per Definition
des Begriffs „Berater“ gegeben. Der Ratsuchende entscheidet, ob er den Rat annimmt und welches Verhalten er
anschließend wählt.
Die Entscheidung, Rat zu suchen, wird häufig von fachlichen Zwängen begleitet. Als Beispiele seien hier die
juristische (z.B. Anwalt) oder finanzielle (z.B. Steuerberater) Beratung genannt.

Die ungefragte Erteilung von Ratschlägen (z.B. von Vorgesetzten, Kollegen, Freunden, Familienmitgliedern etc.)
lasse ich bei meiner Betrachtung außen vor.
Bei der Beratung liegt der Fokus auf der fachlichen Problemstellung. Hier wird zunächst die Problemstellung
vom Berater analysiert und anschließend eine Lösung dafür vorgestellt. Der Ratsuchende muss keine Einzel-
person sein; es handelt sich oft auch um Organisationen, die einen Berater beauftragen. Die Erwartungshaltung
bei der Beauftragung ist die Präsentation einer Lösung durch den Berater.


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