Chancen und Risiken im Online-Coaching

Die Arbeit mit dem Inneren Team im Online-Coaching

Abschlussarbeit von Lisa Jiménez Ullrich, als PDF lesen


Management Summary

Die Möglichkeit des Online-Coachings als Alternative zum persönlichen (systemischen) Coaching hat insbesondere
in den letzten Monaten, seit Entstehung/Ausbreitung der Covid19-Pandemie, an Relevanz stark zugenommen. Wie
sollen einerseits Coachs ihren Coaching-Beruf ausüben, wenn persönliche Treffen aus gesundheitlichen Gründen
nicht möglich sind? Wie sollen andererseits Menschen, die vor einer wichtigen Herausforderung stehen oder eine
innere Blockade lösen möchten, Unterstützung als Coachee erhalten, ohne das Haus zu verlassen? Aufgrund der
sich globalisierenden Welt und unter der Annahme, dass Covid-19 nicht die letzte Pandemie bleiben wird, erfahren
und entwickeln wir kontinuierlich neue Lebens- und Arbeitsweisen, um die Veränderungen zu meistern.

Vor dem Ziel, in der heutigen Welt Chancen bestmöglich erkennen, nutzen und aktiv mitgestalten zu wollen, frage
ich mich: Wie lässt sich persönliches Coaching auf den OnlineKontext übertragen? Welche Chancen und Risiken
birgt dies und welche Erfolgskriterien kann ich auf Basis erster Erfahrung ableiten?

Zur Beantwortung dieser Fragen erläutere ich in der vorliegenden Ausarbeitung zunächst die grundlegenden Begriffe
Coaching, Online-Coaching und das Modell des Inneren Teams. Anschließend dokumentiere und reflektiere ich
exemplarisch eine eigens durchgeführte Online-Coaching-Sitzung, in der ich mit dem Modell des Inneren Teams
arbeite. Meine bisherigen Erkenntnisse für ein erfolgreiches Online-Coaching führe ich in einem Fazit zusammen
und gebe einen kurzen Themenausblick.

In Kürze: Chancen von Online-Coaching sind m. E. die räumliche Flexibilität (v. a. in Zeiten von Covid-19), eine
höhere zeitliche Flexibilität, verminderte/ wegfallende Anreise- und Raumkosten sowie das Hinterfragen bekannter
Methoden und Tools. Daneben können mögliche Risiken eine instabile Internetverbindung, nicht vorhandene
Hard-/ Software, eine Minderung der Beziehungs- und Coaching-Qualität aufgrund der räumlichen Trennung
und der eingeschränkten Sicht auf das Gegenüber sowie eine methodische Einschränkung darstellen.

Die dokumentierte Online-Coaching-Sitzung zeigt: Ja, die Coaching-Arbeit mit dem Inneren Team ist online
umsetzbar, in verschiedenen Varianten. Zwei der wichtigsten Reflexionspunkte sind erstens die Relevanz,
ein möglichst intuitives und kollaboratives Online-Whiteboard zu verwenden, und zweitens die gelungene
Zielerreichung bei einer vertrauensvollen und persönlichen Atmosphäre trotz räumlicher Trennung.

Meine persönlichen Erfolgskriterien für Online-Coaching sind u. a. eine funktionierende Technik beiderseits, ein
umfassender Gesprächseinstieg inkl. der Klärung technischer Fragen, die besonders hohe Relevanz einer sehr
guten Beziehung zwischen Coach und Coachee, (besonders) viel Wertschätzung und Aufmerksamkeit seitens
Coach, eine hohe Flexibilität, Geduld und Kreativität bzgl. Tools, Methodenumsetzung und evtl. technischer
Schwierigkeiten sowie eine gute Vorbereitung von sowohl haptischen als auch virtuellen Materialien seitens Coach.

Fazit: Online-Coaching ist nicht dem persönlichen Coaching gleichzusetzen, sondern bietet eine Alternative für
Coach und Coachee. Jede*r Coach sollte selbst entscheiden, ob und in welcher Ausgestaltung sie*er das Online
Coaching als Teil des Werkzeugkoffers ansieht und verwenden möchte.

1. Begriffserklärungen

1.1 Was ist Coaching, was nicht? Was meint systemisches Coaching?

Unter Coaching verstehe ich eine zeitlich begrenzte, ziel- und situationsorientierte, auf Augenhöhe stattfindende
Begleitung, bei der ein*e Coach ein*e Coachee auf dem Weg zum gewählten Ziel unterstützt. Während bei der*dem
Coach maßgeblich die Verantwortung für die Prozesssteuerung während einer oder mehrerer Coaching-Sitzungen
liegt, ist die*der Coachee selbstverantwortlich für die Zielbenennung und Lösungsfindung – alle grundlegenden
Ressourcen und Lösungen liegen laut dem Coaching-Verständnis in der*dem Coachee selbst.

Begriffsabgrenzung: Der große Unterschied zwischen Coach und Berater*in liegt daher darin, dass die*der
Berater*in Lösungen kreiert und empfiehlt, während ein*e Coach dies bewusst unterlassen soll – basierend auf
dem Verständnis, dass die seitens der*des Coachees selbstkreierte Lösungen zielführender und wirkungsvoller als
vorgegebene Lösungen sind. Im Gegensatz zu Coaches vermittelt ein*e Trainer*in Wissen in einem eher kurzen
Zeitraum, ein*e Mentor*in teilt langjährige Erfahrung in einer i. d. R. eher mittel- oder langfristig ausgelegten
Beziehung. Sobald schwerwiegende psychische Probleme oder Krankheiten eine Rolle spielen, sollte stattdessen
ein*e Therapeut*in aufgesucht werden, welche*r i. d. R. über eine längere Zeitspanne hinweg und eher ursachen-,
statt lösungsorientiert vorgeht.

Systemisches Coaching meint, dass die*der Coachee nicht als alleinstehendes Individuum betrachtet wird, sondern
in ihrem*seinem in dem Moment relevante System – auch Organisation, Kontext oder Umfeld genannt. In einem
System, bspw. in einem Familiensystem oder der beruflichen Organisation, stehen die beteiligten Personen in
Wechselwirkung zueinander und beeinflussen sich dadurch gegenseitig. Aufgrund der gegenseitigen Wechsel-
wirkung wird die*der Coachee im systemischen Coaching in Relation zu bestimmten Personen aus ihrem*seinem
relevanten Umfeld gesetzt, um die im Fokus stehende Situation ganzheitlicher zu betrachten. Außerdem kann die
*der Coachee erarbeitete Lösungsoptionen in Abhängigkeit von relevanten Personen aus dem jeweiligen System
untersuchen und bewerten, da diese Personen mit großer Wahrscheinlichkeit bewusst oder unbewusst Einfluss auf
die*den Coachee üben (werden) und eine alleinstehende Betrachtung der*des Coachees unvollständig und daher
ggf. nicht zielführend wäre.1

 

1.2. Was ist Online-Coaching und welche Chancen und Risiken birgt es?

Unter Online-Coaching verstehe ich ein Coaching, das nicht persönlich – von Angesicht zu Angesicht im selben
Raum –, dafür mithilfe des Internetdienstes und der IT-Technologie in einem virtuellen Raum stattfindet. Als
mögliche Video-Kommunikationstools können als zwei Beispiele von vielen Zoom oder MS Teams herangezogen
werden, wahlweise zusätzlich weitere Tools abhängig von der verwendeten Coaching-Methode. Synonym zu Online
Coaching wird u. a. von virtuellem Coaching, Cyber-Coaching oder e-Coaching gesprochen.2

Welche Chancen und Risiken birgt m. E. Online-Coaching im Gegensatz zum persönlichen Coaching?

Chancen:

Städteübergreifendes Coaching: Coach und Coachee können an verschiedenen, beliebig weit
entfernten Orten dieser Welt sitzen (sofern sie über eine Internetverbindung verfügen).
• Räumliche Flexibilität: Coach und Coachee können sich jeweils an (fast) jedem Ort dieser Welt
während der Online-Coaching-Sitzung aufhalten – ohne, dass sich die*der jeweils Andere den
räumlichen Wünschen anpassen muss.
Auch in Covid-19-Zeiten: Während einer Pandemie, wie sie aktuell weltweit besteht, kann online
ein Coaching „auf Abstand“ durchgeführt werden, wodurch keine gesundheitlichen Übertragungs-
risiken zwischen Coachee und Coach bestehen.
Zeitliche Flexibilität: Da Anfahrtswege beim Online-Coaching wegfallen, kann das Coaching zeitlich
flexibler stattfinden, also unabhängiger von bspw. Tageszeiten, Transportmitteln, und im Notfall
einfacher verschoben bzw. nachgeholt werden – was natürlich die Ausnahme sein sollte.
Keine Anreise- oder Raumkosten: Aufgrund der räumlichen Trennung und der wegfallenden Anreise-
fallen auch eventuelle Kosten bei der Anreise und Raummiete weg – außer die*der Coachoder Coachee
hat in der eigenen Wohnung keinen Raum oder keine Möglichkeit, ein Coaching durchzuführen.
Hinterfragung bekannter Methoden und Tools: Die*der Coach kann die bereits aus dem persönlichen
Coaching-Kontext bekannten Tools und Methoden hinterfragen, im Online-Rahmen ausprobieren,
verändern, weiterentwickeln bzw. bei Bedarf neue kreative Lösungen entwerfen.

Risiken:

Internetverbindung, Hard- und Software: Für ein Online-Coaching ist für sowohl Coach als auch
Coachee jeweils eine stabile Internetverbindung sowie ein Device, bspw. Laptop oder Handy, und
ein Online-Kommunikationstool, z. B. Zoom, essenziell und unumgänglich. Bei nicht-vorhandener
oder nicht-stabiler
Internetverbindung stellt das Coaching via Telefon eine Alternative dar, bei dem jedoch auf das Video-
bild und damit auf wichtige Körpersprache der*des Gegenübers verzichtet werden muss.
Beziehungsebene: Die räumliche Trennung kann zu einer weniger tiefen bzw. weniger guten Beziehung
zwischen Coach und Coachee führen, was wiederum die Coaching-Qualität und die Lösungsfindung
negativ beeinflussen kann.
Eingeschränkte Sicht auf das Gegenüber: Coach und Coachee können die Körpersprache der*des
jeweils anderen nur zum Teil lesen, interpretieren und darauf eingehen, da i. d. R. nur der Oberkörper
oder ein Teil dessen auf dem Bildschirm sichtbar ist. Gerade für die*den Coach kann dies einschränkend
sein, um auf die*den Coachee bestmöglich einzugehen. Durch eventuell nicht erkannte Körpersprache
der*des Coachees, die bspw. Stress zu etwas Gesagtem andeutet, kann die*der Coach wichtige Momente
ungewollt verstreichen lassen, was wiederum einen negativen Einfluss auf die Coaching-Qualität haben kann.
Methodische Einschränkung: Nicht alle aus dem persönlichen Coaching bekannten Methoden sind
eins zu eins in den virtuellen Raum übertragbar. Bestimmte Methoden aus dem persönlichen Coaching-
Kontext können ggf. gar nicht, nicht in derselben Art und Weise oder nur mit eingeschränkter Effektivität
im  OnlineSetting angewandt werden. Beispiele können die Aufstellungsarbeit, die Arbeit mit Bodenankern
oder wingwave® sein.

 

1.3 Was bedeutet die Arbeit mit dem Inneren Team und wozu dient sie?

Da ich in der Coaching-Dokumentation im folgenden Kapitel die Arbeit mit dem Inneren Teams umreiße,
möchte ich hier vorab kurz – sicherlich nicht vollständig – erklären, was mit dem sog. Inneren Team gemeint ist.
Das Modell des Inneren Teams, entwickelt durch den Psychologen Friedemann Schulz von Thun, geht davon aus,
dass jeder Mensch in sich eine innere Vielstimmigkeit trägt, sog. verschiedene innere Anteile oder Teammitglieder,
die uns im Sprechen, Handeln und im Aufbau unserer jeweiligen Persönlichkeit bestimmen. Das Modell zielt auf
eine möglichst stimmige Kommunikation und ein „richtiges“ Verhalten ab. Mit stimmiger Kommunikation meint
Schulz von Thun die Stimmigkeit zwischen authentischer sowie identitätsgemäßer und situations- sowie system-
gerechter Kommunikation – also dem Einklang von Innen und Außen. Dazu gilt es, die innere Vielstimmigkeit zu
verstehen und zur inneren Teamentwicklung fähig zu werden.

Die sechs Lehren vom Inneren Team geben im Folgenden einen Überblick über die wichtigsten Aspekte des Modells:

  1. Die innere Pluralität des Menschen: Wir haben innere Anteile/ Stimmen/ Teammitglieder in uns,
    die miteinander, gegeneinander und durcheinander arbeiten können – wie wir es auch von Teams
    in einer Organisation kennen.
  2. Die kooperative, innere Führung durch das Team-Oberhaupt: Die innere Führungskraft vertritt
    unser Ich und hat zur Aufgabe, aus den einzelnen Mitgliedern ein einheitliches Team zu bilden.
  3. Das innere Konfliktmanagement: Innere Teamkonflikte sind unumgänglich, existenziell notwendig,
    dafür auch notwendig zu erkennen und zu lösen.
  4. Der Aufbau der Persönlichkeit: Nicht alle Teammitglieder sind auf der inneren Seelen-Bühne
    gleichermaßen vertreten, manche melden sich stärker als andere zu Wort, manche haben wir
    hinter den Vorhang verbannt, was zu einem gestörten inneren Betriebsfrieden führt. Die „innere
    Teamentwicklung“ hilft, den inneren
    Betriebsfrieden wiederherzustellen.
  5. Die Variation innerer Mannschaftsaufstellungen: Zwar neigen wir zur einer typischen Grundaufstellung
    unserer inneren Mannschaftsmitglieder. Abhängig von der jeweiligen Situation und dem Gegenüber
    jedoch ändern wir diese spontan und wie von selbst, was uns nicht immer gut gelingt.
  6. Der Gehalt einer Situation und die doppelte Übereinstimmung: Diese zielt auf eine situationsgerechte
    Aufstellung der inneren Mitglieder ab, sodass die Stimmigkeit von Innen und Außen erreicht werden kann.

Ein Beispiel für einen inneren Teamkonflikt stellt folgende Situation dar. Karin erhält ein neues Jobangebot und
kann sich nicht entscheiden: Soll sie den aktuellen, vermeintlich sichereren und bereits bekannten Job behalten
oder die Veränderung in einen neuen, scheinbar spannenderen Job mit einer nächsten Karrierestufe wagen? Und
wie soll sie dies im Fall eines Jobwechsels ihrer sehr geschätzten Chefin mitteilen? Hier könnten sich bspw. die
inneren Anteile „die Sicherheitsbedürftige“, „die Ehrgeizige“, „die Wagemutige“, „die Ängstliche“, „die Loyale“ in
ihr melden und in einen Teamkonflikt geraten, der sie innerlich blockiert und eine stimmige Entscheidung für sie
schwierig oder unmöglich macht. In einem Coaching kann die*der Coach der*dem Coachee mithilfe der Arbeit mit
dem Inneren Team helfen, um z. B.

  1. Entscheidungen zu treffen,
  2. Blockaden zu lösen oder
  3. durch die Reflexion nach innen Klarheit über eine bestimmte Situation zu gewinnen

Die*der Coachee kann die eigenen inneren Anteile akzeptieren und respektieren lernen, indem sie*er die inneren
Teammitglieder zunächst erkennt und sichtbar macht, die jeweiligen positiven Absichten herausarbeitet, das Team
im Ist- und bei Bedarf im SollZustand aufstellt und einzelne Teammitglieder miteinander kommunizieren lässt.
Dadurch kann die*der Coachee mehr Leichtigkeit und innere Ruhe entwickeln und in einer stärkeren inneren
Balance eine höhere Stimmigkeit zwischen Innen und Außen entwickeln und Alltagssituation besser meistern.3


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Quellen

1Vgl. Schweitzer und von Schlippe 2016, S. 68 – 69, 80; Rauen 2014, o. S.; Bates 2016, S. 17 – 19
2 Vgl. Lewkowicz und West-Leuer 2020a, o. S.; Lewkowicz und West-Leuer 2020b, o. S.
3 Vgl. Schulz von Thun 2019, S. 14 – 22; Schulz von Thun o. J., o. S.