Inneres Team – ein Beispiel

Abschlussarbeit von Ines Scherer, als PDF lesen


1. Zusammenfassung

Mein Name ist Ines Scherer. Ich behaupte von mir selbst, dass ich ein seriöses Leben und ein un-
seriöses Leben führe. In meinem seriösen Leben bin ich Controllerin und arbeite für eine Firma,
die sich mit klinischer Forschung auseinandersetzt. Berufsbegleitend absolviere ich momentan
meine Ausbildung zum systemischen Coach.
In meinem unseriösen Leben veranstalte ich seit vielen Jahren Burlesque Shows und trete unter
dem Künstlernamen Miss Pink Champagne als Burlesque Tänzerin auf.
Ich widme meine Facharbeit der Methode des „Inneren Teams“, von Friedemann Schulz von Thun.
Nachdem ich die Methode kurz vorstellen werde, zeige ich anhand persönlicher Beispiele aus
meinem unseriösen Leben auf, wie ich mich schon seit vielen Jahren mit meinem inneren Team
auseinandergesetzt habe, ohne mir dessen bewusst gewesen zu sein.
Ich beschreibe das Aufstellen meines eigenen Teams und die daraus resultierenden Veränderungen,
die ich nach Bewusstmachung vorgenommen habe.
Weiterhin möchte ich mit dieser Abschlussarbeit die unglaubliche Flexibilität, die uns Coaches
diese Methode bietet, verdeutlichen.

2. Einleitung

Die Methode „Inneres Team“ erschuf der Hamburger Psychologe Friedemann Schulz von Thun, in den Neunziger
Jahren. Ausgehend von der Lehre der inneren Pluralität beschreibt Herr von Thun das Vorhandensein verschiedener
Stimmen, im weiteren Verlauf innere Teammitglieder (markiert) genannt, die in jedem von uns Menschen zugegen
sind. Diese inneren Teammitglieder stehen metaphorisch für die Bedürfnisse, Sehnsüchte und Wünsche des
einzelnen Menschen. So verschieden unsere Bedürfnisse, Sehnsüchte und Wünsche auch sind, so unterschiedlich
sind unsere inneren Teammitglieder. Sie agieren miteinander, gegeneinander, verbünden sich, schmieden Ränke
und was der eine will, kann der andere manchmal gar nicht leiden.

2.1. Ziel der Methode

Ziel der Methode des „Inneren Teams“ ist es, den Belangen der einzelnen inneren Teammitgliedern Gehör zu
verschaffen und Konflikte im Team zu beseitigen. Wenn uns dies gelingt, dann wird sich das auch in unserer
Außenwirkung wieder spiegeln. Entscheidungen wirken kongruenter, unsere Kommunikation mit unserer
Außenwelt klarer und authentischer

2.2. Herangehensweise

Um Ruhe in das Team zu bringen benötigt es einen Teamchef. Herr von Thun nennt diese Position Oberhaupt.
Das Oberhaupt sind wir selbst. Das Oberhaupt entscheidet, welche Stimme sich durchsetzen darf und welche
Stimme sich in der jeweiligen Situation zurückhalten soll. Die Hauptsache ist man hört ALLEN zu und missachtet
niemanden in der Runde. Denn wenn wir einzelnen Stimmen nicht genug, oder keine Beachtung schenken, dann
kann dies unangenehme Folgen für unseren Alltag haben. Es führt zu Stress und Problemen und kann sogar
körperlich und geistig krank machen. Ziel ist es also jede der inneren Stimmen willkommen zu heißen und zu Wort
kommen zu lassen. Wie im wahren Leben, führt diese Art der wertschätzenden Kommunikation zu Harmonie im
Team und weiterhin zu Teamentwicklung. Was das Ganze nicht unbedingt einfacher macht ist die Tatsache, dass
die Teammitglieder keinem zeitlichen Faktor unterworfen sind. Es kann passieren, dass sie sich erst Jahre später
mit ihrer Botschaft zurückmelden. Einer Botschaft, die gleichzeitig einen motivationalen, emotionalen und
kognitiven Ansatz aufweist.

3. Individuelle Betrachtung und Aufstellung meines inneren Teams

Ausgehend von der Lehre der „inneren Pluralität“ beschert mir der Gedanke, in mir nicht allein zu sein,ein Gefühl
grenzenloser Erleichterung. Ich bin der Typ Mensch, der Dinge gerne einordnet, definiert und interpretiert. Die
Anwendung der Methode des „Inneren Teams“ und damit verbunden das Kennenlernen und Definieren meiner
inneren Teammitglieder, war und ist für mich einer der spannendsten Prozesse während meiner Weiterbildung
zum Coach. Zu begreifen, dass es ganz viele Stimmen in mir gibt, die alle eine eigene Motivation haben, völlig
gegensätzliche Dinge anstreben, ja sogar einen individuellen Charakter ihr Eigen nennen, ließ viele Dinge, die
ich in der Vergangenheit getan habe, in einem ganz neuen Licht erscheinen. Als ich das erste Mal von der
Methode des „Inneren Teams“ erfuhr, musste ich sofort an den Song „Jein“ von der Band „Fettes Brot“ denken.
In einer Strophe geht es um eine Entscheidungsfindung, die dem Protagonisten sehr schwerfällt:

„Es erscheinen Engelchen und Teufelchen auf meiner Schulter, Engel links, Teufel rechts, lechz!“

Der Engel will etwas völlig anderes als der Teufel. Und der Protagonist? Der weiß nicht was er machen soll. Hin
und hergerissen zwischen diesen beiden Stimmen versucht er die bestmögliche Entscheidung zu treffen. Er muss
damit leben, dass eines seiner Teammitglieder nach dem Treffen der Entscheidung nicht wirklich begeistert sein
wird.

Ich habe keinen „Engel“ oder „Teufel“ in mir, aber die Versinnbildlichung dessen, wie sehr man von seinen inneren
Stimmen auf unterschiedlichste Weise beeinflusst wird, erscheint mir in diesem Kontext passend. Wenn man sich
vergegenwärtigt, wie viele solcher Situationen uns tagtäglich begegnen, dann wird schnell klar, wie wichtig es ist,
dass das Oberhaupt all diesen Stimmen zuhört, sie einsortiert und miteinander in Einklang bringt und so zu einer
authentischen, vertretbaren Entscheidung und Handlung verhilft. Das Unterdrücken einer Stimme, die uns eventuell
nicht so angenehm ist, führt nur zu weiteren Konflikten im Team. Weil mundtot können wir sie nicht machen. Es gilt
also diese Konflikte wahrzunehmen und zu lösen.

Ich habe mich schon oft dabei ertappt Selbstgespräche zu führen. Dabei handelt es sich um Aufrufe wie: “Jetzt nimm
dich aber mal zusammen!“ oder “Nein, das kaufst Du jetzt nicht!“, „Schluss damit!“ oder ein freudiges „YES!“. Die
Reaktion auf meine inneren Stimmen kommt nicht immer in Form von Worten zum Tragen. Manchmal ziert einfach
ein breites Grinsen mein Gesicht oder ich schüttele den Kopf über eines meiner Teammitglieder.

Wenn mir dies schon mal im Supermarkt passiert, dann schauen die Menschen interessiert und fragen sich wohl,
warum ich plötzlich so breit grinse oder mit wem ich da wohl rede. Ich erkläre Ihnen nicht, was mir heute bewusst
ist, nämlich, dass ich gerade mit einem Mitglied aus meinem inneren Team gesprochen oder eines meiner Team-
mitglieder mit einer Geste belegt habe. Würde ich es tun, wären sie sicher so fasziniert wie ich von dieser Methode
und ich müsste Stunden im Supermarkt verbringen, um Ihnen näher zu bringen, warum ich diese Methode über-
haupt kenne. Ich stehe also im Supermarkt und lausche dem Stimmengewirr in meinem Kopf. Zuerst meldet sich
die stets bemühte Selbstvermarkterin in mir und schreit „Wie doof bist Du denn bitte, nicht in Betracht zu ziehen,
dass Du Dich auch im Supermarkt vermarkten kannst. Hier laufen doch jede Menge Menschen rum, die vielleicht
ein Coaching brauchen, schnapp sie Dir!“. Die Seriöse brüllt zurück: „Jetzt mach aber mal bitte einen Punkt. Wie
sieht das denn aus, wenn Du Dich im Supermarkt vermarktest?“. Und schon drängelt die Grenzenlose nach vorne
und erinnert nochmal daran, dass Grenzen da sind, um gesprengt zu werden.

Die drei Grazien gehören definitiv zur G7 meiner Teammitglieder. Die Grenzenlose ist die lauteste von allen. Wenn
ich ihr so zuhöre, scheint sie sich für die Stabschefin zu halten. Gnadenlos direkt, alles in Frage stellend, was die
Gesellschaft als unangebracht empfindet, und immer mit dem Kopf durch die Wand, auch wenn sie danach mit
einer Gehirnerschütterung und blutender Nase im Krankenhaus liegt. Sie weiß ja, der Phönix wird es schon richten.
Der rettet immer alle und lässt sie aus der Asche wieder auferstehen. Auf ihn ist 1000 % Verlass. Der Phönix gehört
auch zur G7. Er schwebt ruhig über allen anderen. Er ist eher zurückhaltender Natur und äußert sich nur, wenn es
alle anderen mal wieder völlig übertreiben. Gerade die Grenzenlose muss manchmal in ihre Schranken gewiesen
werden. Wenn es soweit ist, dann krächzt der Phönix einmal laut, schlägt mit den Flügeln und die Grenzenlose
kapiert, dass auch sie Grenzen hat und eigentlich nur existiert, weil es den Phönix gibt. Ich bin sehr gespannt,
wann der Phönix seinen ersten Burn-Out bekommt. Bis jetzt hat ihn nichts kleinbekommen. Als ich den Phönix
nach einem für mich sehr schlimmen Jahr auf einem meiner Partyflyer verewigt habe, war mir nicht bewusst,
dass er nun auch seinen Platz in dieser Arbeit finden wird. Hier der Phönix-Flyer aus dem Jahr 2017:

Bei längerer Beschäftigung mit der Methode des „Inneren Teams“ wurde mir klar, dass ich in all den Jahren jedes
Mal eines meiner inneren Teammitglieder auf einem Flyer verewigt habe. Ich möchte Euch gerne noch ein paar
vorstellen. Hier haben wir beispielsweise die Helfende:

Sie sieht sofort, wo Not am Mann ist. Sie ist sehr bestrebt ihrem Umfeld Gutes zu tun und Hilfe zu leisten, wo sie nur kann.


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