Ego-States & Realitätenkellner

Wege in die Handlungsfähigkeit

Abschlussarbeit von Pia Okoro, als PDF lesen


1. Einleitung, Zielgruppe & Motivation

“If you can‘t fly then run,
if you can‘t run then walk,
if you can‘t walk then crawl,
but whatever you do you have to keep moving forward.”

― Martin Luther King Jr.

Dieses Zitat von Martin Luther King beschreibt sehr gut, was ich in den in den letzten vier Jahren meines Lebens
gelernt und erfahren habe, was mich getragen und motiviert hat.

Finde deine Ressourcen, akzeptiere sie so, wie sie sind und egal ob fliegend oder kriechend, bewege dich weiter.

Im Verlauf meiner Ausbildung zum systemischen Coach gelang es mir Stück für Stück konkreter zu erfassen, was
ich persönlich ganz instinktiv als Lösungsweg für mich gefunden hatte. Ich erlernte und verstand, warum bestimmte
Fragestellungen und Methoden in relativ kurzer Zeit eine so große Veränderung bewirken können.

Alle notwendigen Ressourcen und Lösungen sind in jedem Menschen bereits vorhanden.

Es gibt immer eine eigene Lösung und auch eine entsprechende Ressource in uns, zu denen uns aber aus
unterschiedlichsten Gründen der Zugang versperrt sein kann. Die Anwendung bestimmter Fragetechniken
und Methoden ist hier hilfreich, diese Lösungen Schritt für Schritt in uns selbst zu finden. So ist letztendlich
eine Veränderung möglich, auch wenn es zunächst, oder auch schon über einen langen Zeitraum, keine
Lösung zu geben scheint.

Meine persönliche Erfahrung dahingehend war auch meine Motivation, die Ausbildung zum systemischen Coach
zu beginnen, um im Anschluss daran andere Menschen in ähnlich herausfordernden Lebenssituationen zu begleiten
und sie dabei zu unterstützen, selbst wieder in Ihre Selbstwirksamkeit zu finden, diese zu spüren und zu erleben
und so wieder handlungsfähig zu sein.

Ganz besonders am Herzen liegt mir in diesem Zusammenhang die Zielgruppe von Frauen in kritischen Lebens-
situationen, insbesondere von alleinerziehenden, berufstätigen Müttern, die oft wenig Verständnis und
Unterstützung erfahren, keine Lobby haben, die überwiegend die Aufgaben der Kindererziehung, des Haushalts,
des emotionalen Ausgleichs innerhalb der Familie (ob noch gemeinsam lebend oder auch getrennt) und zusätzlich
noch die Berufstätigkeit zu bewältigen haben. Die immer häufiger darüber hinaus alleinerziehend sind und zum
Teil auch finanziell auf sich allein gestellt. Bei ohnehin schlechteren Voraussetzungen hinsichtlich beruflicher
Möglichkeiten und einem deutlich geringeren Einkommen.

Aufgrund der starken Grundbelastung und der hohen Verantwortlichkeit werden kritische Situationen schnell
als sehr bedrohlich empfunden und die eigenen Möglichkeiten, sie zu beeinflussen oder zu bewältigen als gering
eingeschätzt. Sehr schnell kann so der Glaube an die Selbstwirksamkeit verloren gehen.

Zudem wird bei so vielen „Aufgaben“ das eigene „Ich“ häufig nicht ausreichend priorisiert und es ist besonders
relevant die einzelnen Persönlichkeitsanteile zunächst einmal zur Kenntnis zu nehmen, in ihren Anliegen
wertzuschätzen und zu akzeptieren. Dann besteht die Möglichkeit, die unterschiedlichen Ego-States in ihrer Präsenz
neu zu ordnen, oder lange vernachlässigten Teilen mehr Aufmerksamkeit zu widmen und so ebenfalls das Selbst-
vertrauen in die eigene Handlungswirksamkeit zu stärken.

Im Folgenden möchte ich einige der für mich in diesem Zusammenhang wesentlichen und hilfreichen Themen und
Methoden zusammenfassen und diese mit dem Angebot einer regelmäßigen Alltagstechnik kombinieren, die den
Klienten unterstützen kann fokussiert und aktiv zu bleiben, um so neu gefundene Perspektiven und Handlungs-
möglichkeiten im Alltag auch umzusetzen.

Aktivität bringt Selbstwirksamkeit bringt Aktivität.

Die Selbstwirksamkeit immer wieder zu erleben bestärkt den Glauben bei aufkommenden Problemen auf jeden Fall
etwas tun zu können. Das schafft Vertrauen in sich selbst und wer sich grundsätzlich mehr zutraut, wird eher davon
ausgehen, über ausreichend Handlungsspielräume zur Bewältigung einer kritischen Situation zu verfügen.

Den Blickwinkel verändern, neue Realitäten entdecken und die eigenen Ego-States wahrnehmen und wertschätzen
führt den Klienten wieder in die Aktivität, welche in der Folge das Gefühl der scheinbaren Hilflosigkeit auflösen
kann.

 

2. Lösungsfokussierte Kurzzeittherapie nach Steve de Shazer und Insoo Kim Berg

Ich möchte in dieser Abschlussarbeit nicht auf die Details der jeweiligen Methoden eingehen,
sondern nur die für mich wesentlichen Aspekte herausstellen.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt für mich in den Fragetechniken, die Steve de Shazer und Insoo Kim Berg im
Rahmen der von ihnen erarbeiteten „lösungsorientierten Kurzzeittherapie“ angewendet haben sowie der Typologie,
die für den Coach ein wichtiges Instrument darstellt um den richtigen Ansatz im Umgang mit dem Klienten zu
finden und einzuordnen, wie und wo der Klient entsprechend abgeholt werden kann.

Steve de Shazer und Insoo Kim Berg gelten als Pioniere des “Solution Focused Approach” bzw. der Lösungs-
orientierten Ansatz und Kurzzeittherapie, sowie der systemischen Therapie.

Sie etablierten die Arbeit mit Emotionen & Skalen. Steve de Shazer nannte diese Technik die „Wunderskala“. Sie
arbeiteten oft ganze Sitzungen lang mit feinsten Nuancen nur dieser Fragen, um Verbesserungen des Zustands
ihrer Klienten herauszuarbeiten.

Drei der populärsten Fragtechniken nach Steve de Shazer und Insoo Kim Berg sind:

 

– Wunderfrage

Die Wunderfrage kann dem Klienten lösungsorientierte Impulse geben, die er sich in seiner persönlichen Realität
nicht erlauben kann und/oder will. Ohne Aufmerksamkeit für das Problem (welches durch das Wunder gelöst
wurde), kann sich der Klient der Lösung zuwenden.

„Es bräuchte ein Wunder, um mein Problem zu lösen…“
„Nun, stellen Sie sich vor es geschieht ein Wunder…“

Diese Methode ist gut geeignet, die gewünschten Zustände und die notwendigen Handlungsschritte zu visualisieren
und festzuhalten.
Sie kann sowohl im Coaching als auch relevant zur Auftragsklärung eingesetzt werden.

 

– Frage nach Ausnahmen

Bei der Frage nach Ausnahmen geht es darum, die Ausnahme von der „Regel“ zu finden und so die „Lösungsenergie“
zu wecken.

„Wann genau war das Problem weniger präsent? Was haben Sie damals anders gemacht? Was war anders? Wie
haben Sie es geschafft, dass es besser war?“

 

– Skalenfragen

Eine Skalierungsfrage kann im Coaching eingesetzt, um Dinge zu erfahren, die in der Realität objektiv nicht, oder
nur schwer messbar sind. Subjektive Empfindungen wie Zufriedenheit, Motivation, Wahrnehmungen, Gefühle
und Fortschritte können dann besprochen und verglichen werden. Es kann eine differenzierte Selbstbeobachtung
angeregt werden.

„Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie motiviert fühlen Sie sich?
Wie beurteilen Sie das angesprochene Problem auf einer Skala von 1 bis 10?
Was haben Sie bereits getan, um diesen Wert zu erreichen?
Was müsste passieren, damit Sie sich von einer 6 auf eine 8 steigern?“

Diese Fragen sind in jedem Bereich und auch ohne jede weitere Methode wirksam.
Sie können jederzeit eingesetzt werden und sind immer wirksam.

Schritt für Schritt ließen sich de Shazer und Kim Berg von ihren Klienten erzählen, wie sie es schon einmal geschafft
hatten, das Problem zu verringern, ließen sich jede kleinste Ausnahme und Fortschritte schildern, bis der Klient
nicht mehr an das Problem, sondern in Lösungen denkt. All das taten sie stets mit einem Höchstmaß an Respekt
und Demut.

Es war Ihnen wichtig den Klienten ernst zu nehmen, nicht zwischen den Zeilen zu lesen, sondern zu lernen, ganz
genau wahrzunehmen und zu beobachten.


als PDF weiterlesen