Der systemische Coach und seine Einstellung

Freund oder Feind

Abschlussarbeit von Lidija Preuß, als PDF lesen


DEFINITION
„Die Einstellungen einer Person nehmen Einfluss darauf, was sie bemerken und was sie schätzen wird, woran sie sicher erinnern wird und was sie zum Handeln veranlassen wird.“1

Mit dem Begriff Einstellungen werden in der Psychologie drei Komponenten bezeichnet: „Meinungen – Urteile darüber, was wahr ist oder welche Zusammen-hänge wahrscheinlich sind; Affekte – Gefühle der Anziehung oder
Ablehnung; und Verhaltensdispositionen – Prädispositionen oder Absichten für Handlungen.“2

1. Motivation dieser Arbeit – vom Berater zum Coach?

Modul 1 – Tag 1 meiner Coachingausbildung – Thema: Was ist Beratung? Was ist Coaching?

– als hätte mir der Seminarleiter die Taschenlampe direkt ins Gesicht gehalten. Ich musste schlagartig erkennen,
dass ich ca. 10 Jahre in einem Konzern als Coach vorgestellt und gesehen wurde, aber im Grunde ein Berater war.
Mit klarer Meinung, Hypothesen und Lösungsvorschlägen.
Ich war meilenweit entfernt vom systemischen Coaching – ohne es zu wissen. Ich habe ständig das System Konzern/
Abteilung/Team/Führungskraft/Mitarbeiter reflektiert und war überzeugt, dass ich damit systemisch gecoacht habe.
Nun wurde mir direkt und unverblümt deutlich, dass all das mit der Grundhaltung eines systemischen Coaches
wenig zu tun hatte. Ich habe schlichtweg beraten.
So konnte im Nachhinein betrachtet der Prozess und das Ergebnis meiner ‚Coachings’ nie so erfolgreich sein, wie
es mit einer anderen Grundhaltung und Einstellung meinem Gegenüber möglich gewesen wäre.

Aus diesem Grund möchte ich in dieser Arbeit die Einstellung eines systemischen Coaches genau betrachten.
Hat er eine Einstellung zum Gegenüber die wertschätzend und (ergebnis-) offen ist und somit dem Coachingprozess
einen Freundschaftsdienst erweist? Oder wirkt seine Einstellung & Haltung beengend auf den Prozess und ist eher
Feind’ als förderlich für eine optimale Lösung des Problems für unseren Coachee.

Folgende Fragestellungen möchte ich mit einigen klassischen Modellen der Kommunikationsund Sozialpsychologie
bzw. ausgewählten Coaching-Methoden beleuchten und damit jeden angehenden Coach zur Selbstreflektion
inspirieren:

– Welchen Einfluss hat die Einstellung des Therapeuten oder Coaches auf das Coaching?
– Wie konstruiere ich mir meine Welt und wie entsteht meine Einstellung/Haltung?
– Wie erkenne ich, was mich wirklich bewegt?
– Wie stehe ich der Welt und meinem Coachee als Ganzes gegenüber?
– Welche Werte leiten/treiben mich innerlich beim Coaching an?
– Was für ein Persönlichkeitstyp bin ich, wie wirkt es sich auf mein Coaching aus?
– Mit welchem ‚Inneren Team’ kommuniziere ich während des Coachings?

Im Vordergrund steht hierbei mehr die beispielhafte praktische Anwendung als die ausführliche Vorstellung
der Methoden und Modelle.

2. Einstellung des Coaches oder Therapeuten – welchen Einfluss hat diese?

Warum sollte sich ein Coach intensiv mit sich befassen, obwohl es doch um den Coachee geht? Welchen Einfluss
hat seine Einstellung auf den Coaching- oder der Therapeut auf den Therapieerfolg?
Carl R. Rogers, Begründer der klientenzentrierten Psychotherapie, gibt dazu eine klare Antwort: „Aufgrund von
Forschungsbefunden scheinen für den Erfolg einer Therapie vor allem folgende drei Einstellungen aus-
schlaggebend
zu sein: 1. die Echtheit oder Kongruenz des Therapeuten; 2. das vollständige und bedingungs-
freie Akzeptieren des Klienten seitens des Therapeuten und 3. ein sensibles und präzises, einfühlendes Verstehen
des Klienten seitens des Therapeuten.“3

Grundsätzlich ist zwar eine Therapie vom Coaching in mehreren Aspekten zu unterscheiden, dennoch sind die
Erfolgsfaktoren von Carl R. Rogers meiner Einschätzung nach auf das Setting eines Coachings zu übertragen.
Auch im Internet findet man diverse Veröffentlichungen, die sich mit dem Ergebnis von Coaching- und Therapie-
erfolg beschäftigen. Aktuelle wissenschaftlich fundierte Studien zu Carl R. Rogers Thesen konnte ich nicht finden.
Dies liegt m. E. nach an den Wirkfaktoren von Coaching und Therapie mit ihren sehr weichen Variablen, die
empirisch kaum belegbar sind. Ob ein Coachingerfolg von der Einstellung des Coaches, seiner Fragetechnik,
der zufälligen äußeren Umstände wie auch der Motivation des Coachees oder der Beziehung zum Coachee u.v.m.
abhängt, kann äußerst schwer über eine größere Stichprobe (verschiedene Persönlichkeiten der Coaches und
Coachees, unterschiedlichste Coaching-Fragestellungen), ohne Kennzahlen und damit nur mit nicht objektiv
quantifizierbare Größen statistisch signifikant dargestellt werden. Bei weiterem Interesse siehe dazu: Franziska
Einsle, Samia Härtling: Die Erforschung der Psychotherapie: Aktueller Stand und Themen für die Zukunft.4

Nichtsdestotrotz berufe ich mich auf diverse Therapeuten und Coaches, die in ihren Veröffentlichungen genau die
Punkte von Carl R. Rogers nennen und gehe davon aus, dass diese einen deutlichen Einfluss auf den Coachingerfolg
haben.
Ich hoffe, diese Überlegungen und auch die eigenen Erfahrungen beim Coaching reichen als intrinsische Motivation
aus, sich als (angehender) Coach selbst zu reflektieren.

3. Einstellung & Konstruktivismus – wie entsteht meine innere Haltung?

Um zu verstehen, woher eine individuelle Einstellung und damit innere Haltung kommt, nehme ich einen kurzen
Ausflug zur Lernpsychologie und -forschung vor. Hilfreich um wirklich zu akzeptieren und anzunehmen, dass
jeder Mensch unterschiedlich denkt und dieses seine Berechtigung hat, ist die Sicht des Konstruktivismus.
Der Konstruktivismus geht davon aus, dass es keine EINE Wirklichkeit gibt. Jedes Individuum erzeugt seine
Wirklichkeit selbst; in Systemen entsteht dann im nächsten Schritt die eigene Realität durch die Interaktion der
Mitglieder eines Systems.5

„Hintergrund dieser Theorie ist die Annahme, dass das Gehirn ein relativ geschlossenes System ist, das zwar
Reize  aus der Umwelt aufnimmt, diese allerdings nur als „Rohmaterial“ für die weitere Verarbeitung verwendet.
Die Reize (Töne, visuelle Eindrücke) werden durch die Sinnesorgane aufgenommen, durch das Gehirn interpretiert
und danachzu einem individuellen und subjektiven Sinneseindruck verarbeitet. Was eine Person sieht, hört, riecht
oder schmecktist demzufolge niemals eine objektive Wahrnehmung der Realität, sondern stets deren subjektiv
geprägte Interpretation. Diese Auffassung wurde bereits u.a. von Piaget [Entwicklungspsychologe/-forscher]
vertreten und wird durch die Kenntnisse der Hirnforschungen der letzten Jahre bekräftigt.“6

Der Coach sowie auch sein Coachee haben somit ihre eigene ‚Konstruktion’ ihrer Realität, ihrer Welt.
„Um andere Menschen verstehen zu können, müssen wir versuchen, die Welt so zu sehen, wie sie sie sehen,
d. h. durch ihr System von Konstrukten, nicht durch das unsere.“7 Damit entwickelte George Kelly schon 1955
dieTheorie der persönlichen Konstrukte.

Der Coach sollte also davon geleitet sein, die ‚Insel des Anderen’ zu entdecken und verstehen zu wollen. Man
kann, um in dieser Metapher zu bleiben, die Wirklichkeit des Coachees als seine Insel sehen, seine Insel voller
Erfahrungen, die seine Welt ausmachen. Diese Insel offen und ohne Vorbehalte zu ‚besuchen’, ist die wünschens-
werteste Einstellung die ein Coach meiner Meinung nach erreichen kann.

Mit dieser Einstellung fällt es leichter den Sinn eines Verhaltens beim Coachee zu verstehen und auf dieser
Grundlage sinnvolle Fragen zu stellen.
So unterstellt auch Virginia Satir, eine der prägenden systemischen (Familien-)Psychologinnen, jedem Menschen
eine positive Absicht: „Jedes Verhalten macht Sinn, wenn man den Hintergrund kennt.“8


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Quellen bis hierher

1/2 Zimbardo: Psychologie. 6. Auflage 1988, Springer-Verlag, S.709
3 Carl R. Rogers: Therapeut und Klient. 14. Auflage 1999, Frankfurt am Main, Fischer, S.23
4 Einsle, Franziska und Härtling, Samia: Die Erforschung der Psychotherapie: Aktueller Stand und Themen für die Zukunft. Psychotherapie und Wissenschaft (2015) Quelle, 1.07.2020
5 Mitschrift der Präsenzveranstaltung Modul 4, Coachingausbildung In-Konstellation, 13.03.20
6 Höhne, Sebastian: Leitgedanken des Konstruktivismus. 2015 Quelle 10.07.20
7 Zimbardo: Psychologie. 6. Auflage 1988, Springer-Verlag, S.497
8 Satir V., Banmen J., Gerber J., Gomori M.: Das Satir Modell. Paderborn 1995