Die Grundhaltung des Nicht-Wissens im systemischen Coaching

Überlegungen und Anstöße für ein systemisch-konstruktivistisches
und achtsames Denken des Coaches

Abschlussarbeit von Diane Baß, als PDF lesen


Executive Summery

Diese Arbeit untersucht den professionellen Umgang des Coaches mit der Grundhaltung der NichtWissens im
Coaching und führt Anstöße und Überlegungen zum Thema zusammen, um dazulegen, welche Bedeutung der
Haltung im Coaching zukommt.

In der Einleitung wird erläutert, warum die Haltung des Nicht-Wissens eine Herausforderung in der Aus-
bildung zum Coach sein kann und welche Grundprinzipien im systemischkonstruktivistischen Coaching der
Haltung eines Coaches zugrunde liegen. In der Haltung des achtungsvollen Umgangs mit dem Klienten
wird dargestellt, welche Überlegungen dazu führen können, die eigenen Gedanken und Hypothesen als Unter-
stützung in den Dienst einer gleichberechtigten Coach-Klient-Beziehung zu stellen und die Verantwortung für
die Problemerkennung und Lösungsfindung beim Klienten zu belassen. Der Beziehungsraum im Beratungs-
system Coach-Klient
beleuchtet die subjektive Beobachterrolle des Coaches und die Auswirkungen wert-
schätzenden Umgangs auf die Kooperationsbereitschaft des Klienten. Es wird dargestellt, wie durch konsequente
Coaching-Haltung und Selbstreflexion der Coach die Verantwortung für den Prozess übernimmt und sich aus
den Inhalten des Themas heraushalten kann. Es werden Überlegungen und Betrachtungen zur Gestaltung einer
qualitativ hochwertigen Beziehung im Beratungssystem angeboten. Durch Achtsamkeit im Coaching-Prozess
wird der Coach dazu angeregt, wertungsfrei zu denken und den Klienten wohlwollend und prozessorientiert zu
begleiten. Die Aufmerksamkeit des Coaches wird auf die Wahrnehmung der Veränderungsprozesse des Klienten
gerichtet und bietet so Unterstützung beim Beschreiten neuer Wege. Das Grundprinzip des Nicht-Wissens
und der Zusammenhang zum aktiven Zuhören im Coaching-Prozess
greift den Gedanken auf, dass der
Coach durch Empathie und gutes Einfühlungsvermögen dem Coaching-Gespräch Tiefe, Raum und neue emotionale
Ansätze geben kann. Mit der Technik des aktiven Zuhörens bleibt der Fokus des Coaches komplett beim Klienten
und er bezieht auch dessen (zum Teil unbewusste) Gefühlswelt mit in den Coaching-Prozess ein. Im Fazit werden
zusammenfassend die Erkenntnisse dieser Untersuchung und das eigene Erleben gespiegelt. Es wird berichtet,
welche Bedeutung die konstruktivistische Haltung des Nicht-Wissens seitens des Coaches im Coaching-Gespräch
haben kann.

 

1 Einleitung

Ich habe es während meiner Ausbildung zum systemischen Coach* als große Herausforderung empfunden, aus
meiner bisherigen beruflichen Experten-Haltung einer beratenden und leitenden Führungskraft heraus zu treten
und die Haltung des Nicht-Wissens als Coach einzunehmen. Bei aller Komplexität der Systeme und Themen des
Klienten sind da immer noch wir beide – mein Klient und ich, in unseren Rollen, aber eben auch als Personen mit
Lebenserfahrungen und unserer eigenen Realität, in einem besonderen neuen System, unserem Beratungssystem.

Ich habe mir die Frage gestellt, wie es mir gelingen kann, in diesem Kontext professionell mit den Themen des
Klienten umzugehen und die Grundprinzipien des Coachings, -explizit die Haltung des Nicht-Wissens-, in meiner
Rollenethik zu verankern.

Diese Grundprinzipien sind:

● Respekt und Wertschätzung
● Verschwiegenheit
● Verantwortung
● Neutralität und Allparteilichkeit
● Wechselseitigkeit
● Die Grundhaltung des Nichtwissens

Da der letzte Punkt wesentlich von meiner bisherigen Rolle und Haltung im Berufsleben abweicht, möchte ich
hier meine Überlegungen und Erfahrungen teilen. Ich habe viele Aussagen zusammengetragen, um in meiner
persönlichen Weiterentwicklung und in der Rolle als Coach diese Grundhaltung nicht nur zu verstehen, sondern
leben zu können. Da ist meine persönlich Moral und der Wunsch zu helfen, und da ist jemand, der Hilfe braucht
und will.
Wie gestalte ich unser Beratungssystem Coach-Klient diesem Grundprinzip treu so, dass meine Expertenhaltung
sich ausschließlich auf den Prozess beschränkt und ich mich aus den Inhalten der Themen meines Klienten her-
aushalten kann?
Die Annahme, dass der Klient in sich schon (meist unbewusst) über die Ressourcen verfügt, die zur Lösung seines
individuellen Problems erforderlich sind, bildet für mich den Grundstein des eigenen Umdenkens. Es ist der
Respekt, ja die Demut dieser Sichtweise als Außenstehender gegenüber der Welt und Wirklichkeit des Klienten,
der den achtsamen und wertschätzenden Umgang mit dem Klienten und seinem Problem nach sich zieht. „Mit
solchen Annahmen kann er** nicht mehr der „clevere Wissende“ sein, der mit strategisch distanziertem Blick auf
der Meta-Ebene die Muster der KlientInnen überblickt und „weiß“, welche Musterveränderungen für sie erfolgs-
trächtig wären und wie sie ihre Ziele effektiv erreichen können.“ 1

 

2 Die Haltung des achtungsvollen Umgangs mit dem Klienten

Dr. Gunther Schmidt schreibt: „Es zeigt sich […], dass ein Coach eine ständige Gradwanderung zu vollziehen
hat, immer wieder dabei eine Balance anzustreben hat, die äußerst labil bleibt, eine Balance zwischen dezenter
Zurückhaltung einerseits und gleichzeitig klaren Angeboten zur strukturierten Fokussierung auf zieldienliche
Erfahrungen der KundInnen, welche diese selbst zumindest zum Zeitpunkt des Coachings eben nicht von sich
aus vollzogen haben.“ Weiter führt Dr. Gunther Schmidt dort mit Bezug auf Milton Erikson aus: „Zusammenge-
fasst ging er*** davon aus, […] dass alles Erleben, alle Wahrnehmung jeweils das Ergebnis von Aufmerksamkeits-
fokussierung auf bewusster und unbewusster, auf willkürlicher und unwillkürlicher Ebene ist. […] Immer sollte
davon ausgegangen werden, dass letztendlich die einzigartigen KundInnen ihre einzigartigen Antworten entwickeln.“2
Daraus lässt sich folgern, dass ein Coach, der meint, das Problem seines Klienten verstanden zu haben und deshalb
eine Lösung, einen Ratschlag präsentiert, dem Klienten seine Lösungskompetenz abspricht. Somit bedarf es beim
Coach der Selbstreflexion und ständiger Übung, zwischen seiner „Expertenmeinung“ und hilfreichen Interventionen
zu unterscheiden. Jeder Mensch bildet eigene Hypothesen zu einem Thema, um Orientierung zu finden und hand-
lungsfähig zu sein, das ist menschlich und normal. Es ist eine große Herausforderung für den Coach, herauszufinden,
ob diese themenbezogenen Gedanken und Intuitionen, die Hypothesen, die in ihm auftauchen, der eigenen, persönlichen
Lebenserfahrung und/oder der Identifikation mit dem Problem und den Lösungen des Klienten  entspringen. Hier ist
höchste Zurückhaltung geboten!
Sonja Radatz schreibt dazu: „Wir arbeiten mit der Wirklichkeit des Kunden und tun alles dazu, unsere eigene Wirklichkeit
hauptsächlich auf Art und Inhalt der Fragen und die Gestaltung des Prozesses zu beschränken (die Welt des Kunden ist
meist ohnehin schon komplex genug, so dass nicht noch unsere Hypothesen mitverkauft werden müssen).“3

 


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Quellen bis hierher

1 Radatz, Sonja [2018]: Beratung ohne Ratschlag: Systemisches Coaching für Führungskräfte und BeraterInnen : ein Praxishandbuch mit den Grundlagen systemisch-konstruktivistischen Denkens, Fragetechniken und Coachingkonzepten, 10. unveränderte Auflage, Wolkersdorf: literatur-vsm, 2018 S. 15
2 ebd., S. 16-18.
3 Radatz, Sonja [2018]: Beratung ohne Ratschlag: Systemisches Coaching für Führungskräfte und BeraterInnen : ein Praxishandbuch mit den Grundlagen systemisch-konstruktivistischen Denkens, Fragetechniken und Coachingkonzepten, 10. unveränderte Auflage, Wolkersdorf: literatur-vsm, 2018, S. 178.
***Milton Erikson, Anmerkung des Verfassers