Der Prozess eines beruflichen Coachings

Abschlussarbeit von Yvonne Peglow, als PDF lesen


1. Einleitung

In dieser Arbeit wird der Prozess eines beruflichen Coachings beschrieben. Zwischen Januar und März 2019 sind
maximal sechs Termine von jeweils ca. 2 Stunden geplant, davon haben bisher drei stattgefunden. Diese drei
Sitzungen beschreibe ich in dieser Arbeit. Die Anfrage für dieses Coaching erreichte mich über einen Bildungsträger
für den ich freiberuflich als Coach tätig bin.

 

Kontext

Der o.g. Bildungsträger bietet Coaching für Menschen an, die derzeit ohne Beschäftigung sind und eine Anstellung
finden möchten bzw. sich nach einer längeren Auszeit vom Berufsleben neu orientieren wollen oder müssen. Gründe
hierfür können z.B. eine Elternzeit, eine Krankheitsphase oder die lang andauernde Arbeitssuche bzw.
Arbeitslosigkeit sein.

Die Kosten für das Coaching werden von der Jobbörse bzw. der Agentur für Arbeit getragen. Die Klienten bitten zum
Teil aus eigener Motivation um ein solches Coaching und werden zum Teil von ihrem zuständigen Arbeitsvermittler
zum Coaching ermutigt.

Vor dem ersten Termin findet keinerlei Kontakt oder Informationsaustausch statt. Die Termine sind zeitlich auf zwei
Stunden begrenzt. Coachees werden generell mit „Sie“ angesprochen.

Räumlichkeit: Ein funktional eingerichteter und heller Raum beim o.g. Bildungsträger von ca. 9 qm mit vier
Fenstern, drei Stühlen, einem Schreibtisch und einem Computer. Der Raum ist durch eine Tür schließbar, in der Tür
befindet sich ein Glaselement, so dass der Raum einsehbar bleibt.

Coachee

Herr D ist 32 Jahre alt, hat keine Kinder und lebt mit seiner Verlobten in Köln. Er bezieht derzeit Leistungen vom
Jobcenter mit denen er seinen Lebensunterhalt bestreitet. Hin und wieder arbeitet er als Taxifahrer im Taxi
Unternehmen seines Onkels, welches zuvor seinen Eltern gehörte.

Er kam als kleiner Junge mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland. Seine Eltern stammen ursprünglich
aus der Türkei und leben aktuell wieder dort.

Sein Maschinenbau-Studium hat er aktuell unterbrochen. Ihm fehlt ein Semester bis zum Bachelor-Abschluss und
die Bachelor-Arbeit. Er hat bisher 12 Semester absolviert. Die Unterbrechung erfolgte vor 1,5 Jahren. Zu der Zeit
gingen seine Eltern in die Türkei zurück und konnten ihn nicht weiter finanziell unterstützen. Die Doppelbelastung
aus Studium und dem Verdienen seines Lebensunterhaltes war für ihn nicht leistbar.

 

2. Prozessbeschreibung

Erster Termin

22. Januar 2019, Dauer: 1 Sunde 45 Minuten Stunden

Thema

Herr D nennt zu Beginn des Coachings sein Problem sei, dass er aktuell auf der Suche nach einem
Job (Werkstudent oder Teilzeit-Tätigkeit) nur Absagen bekommen würde.

Im Verlauf des Gespräches entwickeln wir gemeinsam folgende zugehörige Aspekte:

▪ Selbstbewusstsein
▪ Selbstkenntnis
▪ eigene Fähigkeiten
▪ berufliche Perspektive
▪ Selbstwirksamkeit
▪ Optionen zur Finanzierung des Lebensunterhaltes
▪ Wissen Bewerbungsunterlagen und Bewerbungsprozess

Ziel

Herr D möchte seinen beruflichen Standort inkl. seiner Stärken, Fähigkeiten, Wünsche und Ziele
kennenlernen damit er hochwertige Bewerbungsunterlagen erstellen kann.

Inhalte

▪ Einleitung: Begrüßung, Vorstellung, erstes Kennenlernen
▪ Erläuterung der Vorgehensweise
▪ Erklärung der Rolle als Coach und Coachee
▪ Vertraulichkeit, Regeln für die Termine
▪ Metapher für Beginn der Auftragsklärung
▪ Auftragsklärung anhand des Coachinghauses
▪ Systemische Fragen
▪ aktives Zuhören, Spiegeln
▪ Reframing
▪ Zielformulierung
▪ Abschluss: Was war hilfreich am heutigen Termin?

 

Ich starte zum Kennenlernen mit einer Begrüßungsrunde in der zunächst ich mich vorstelle. Danach erläutere ich
den Prozess und meine Rolle als Coach. Ich bitte Herrn D seine Situation zu beschreiben und zu nennen, wie ich ihn
unterstützen kann.

Seine Stimmung ist zunächst vorsichtig und dennoch offen. Er schildert seine aktuelle Situation.

In dieser Phase des Gespräches halte ich Blickkontakt und nicke zur Zustimmung und zur Ermutigung. An einzelnen
Stellen spiegele ich Gesagtes, damit sich Herr D gesehen und gehört fühlt. Zudem kann ich auf diese Weise vertiefte
Informationen erhalten und Nachfragen platzieren. Herr D hat dadurch die Möglichkeit zur Reflexion. Es gelingt
dabei, einen vertraulichen und sicheren Rahmen zu schaffen.

Zur Situation zeigt sich Folgendes:

▪ Herr D hat sich um die Möglichkeit für das Coaching bemüht, ist freiwillig da und möchte seine Situation
verbessern.

▪ Er würde gern sein Studium wieder aufnehmen und seinen Bachelorabschluss machen.

▪ Er hat Zweifel, ob er einen Job finden würde, der ihm die Wiederaufnahme seines Studiums ermöglicht.
Möchte dafür zunächst eine Stelle als Werkstudent oder in Teilzeit finden, in der das wöchentliche
Arbeitspensum flexibel gestaltet werden kann.

▪ Er schreibt Bewerbungen an Firmen in Köln (Stellen als Werksstudent Maschinenbau, bisher ca. 20 Stück)
und erhält überwiegend Absagen oder keine Rückmeldung, was ihn frustriert.

▪ Er hatte zwei Vorstellungsgespräche, welche er als „ganz gut gelaufen“ einstuft, die Stelle jedoch nicht erhielt.

▪ Herr D ist zu Beginn überzeugt, dass er aufgrund seines türkischen Namens und seiner Herkunft schlechte
Chancen bei der Stellensuche hat und deswegen die Absagen erhält.

▪ Er ist zudem unsicher, ob seine Bewerbungsunterlagen gut genug sind für erfolgreiche Bewerbungen.

▪ Für nur drei der 20 Bewerbungen hat er überhaupt wirkliche individuelle Anschreiben verfasst, die anderen
Stellen erhielten generische Anschreiben. Bei zwei dieser drei Unternehmen wurde er zum Gespräch eingeladen.

 

Zum Ende der Sitzung benennt er sein Ziel. Ich unterstütze ihn bei der Formulierung nach den ZIEL-Kriterien
(Zeitbezogen in der Gegenwart, Ich-Form, Erfüllbar, Logisch-funktional).

Danach, es waren ca. 1,5 Stunden vergangen, wirkt Herr D auf ich etwas müde. Ich frage ihn wie er gerade da ist und
er entgegnet, das das Reflektieren für ihn ungewohnt ist und zunächst ausreichend gefördert und gefordert hat. Auf
meine Frage, was es für heute noch braucht, entgegnet er, es sei für ihn bereits sehr hilfreich gewesen. Für den ersten
Termin ist damit genug gearbeitet.

Diagnostik

Gespräch, Beobachtung und meine Präsenz.

Ergebnis und Vereinbarungen

Herr D schildert seine Bewerbungs-Situation zu Beginn als sehr problematisch und macht deutlich, dass die vielen
Absagen ihn frustrieren, er aber auch nicht wirklich weiß, was er besser machen kann. Zudem bringt er die Absagen
in Verbindung mit seiner türkischen Herkunft.

Er reflektiert über seine Situation und erkennt, dass die bisherigen Absagen bzw. ausbleibenden Rückmeldungen zu
seinen Bewerbungen alle auf jene mit einem generischen Anschreiben erfolgten. Er entwickelt von sich aus die Idee,
seine Unterlagen zu überarbeiten und wertiger zu gestalten. Dazu erscheint es ihm hilfreich, sich mit seiner
Biografie, seinen Stärken und seiner beruflichen Vision zu befassen. Im Verlauf des Gesprächs hellt sich die
Stimmung von Herrn D insgesamt auf.

Wir vereinbaren als kleine Hausaufgabe, dass Herr D bis zum nächsten Termin Situationen und Stationen aus seiner
privaten und beruflichen Biographie (bisherige Praktika und Stellen als Werksstudent) sammelt, die für ihn in
besonderer positiver Erinnerung geblieben sind.


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