Transgenerationale Weitergabe von Traumata

Abschlussarbeit von Dorothe Eisenstecken, als PDF lesen


Die Folgen des 2. Weltkriegs aus Sicht der Kriegsenkel

 

Kriegsenkel

Als Kriegsenkel werden die Geburtsjahrgänge 1960-1975 bezeichnet. Es handelt sich dabei um die Kinder der
Kriegskinder, um Friedenskinder, die in Zeiten des Wohlstands aufgewachsen und im Grunde mit allen
Voraussetzungen für ein erfolgreiches Leben ausgestattet sind. Es ist aber auch die Altersgruppe, die am stärksten
Psychotherapie in Anspruch nimmt, die demnach eine große Unzufriedenheit zu verspüren scheint, die in lange Zeit
unbeachteten generationsspezifischen Gemeinsamkeiten zum Ausdruck kommt:

• diffuse Identität: Gefühl, nicht zu wissen, wer sie sind, wohin sie wollen, nicht das eigene Leben zu leben
• diffuse Ängste (Zukunfts-/Versagens-/Existenzangst)
• Blockaden
• Gefühl der Schwere; Fehlen von Leichtigkeit
• tief sitzende Verunsicherung
• Selbstzweifel
• Gefühl der Einsamkeit
• mangelndes Selbstwertgefühl
• Hang zum Perfektionismus: wird sichtbar in Fleiß oder lähmender Entscheidungsschwäche
• Bindungsschwierigkeiten, fehlender Mut zur Familiengründung, Kinderlosigkeit
• Gefühl der Fremdheit den Eltern gegenüber, dennoch Sehnsucht nach ihrer Nähe
• Schwierigkeiten und Unverständnis zwischen den Generationen
• Gefühl, Potenziale nicht auszuschöpfen, hinter den eigenen Fähigkeiten zurückzubleiben, gebremst zu sein
• leicht zu irritierende Wahrnehmung
• Gefühl, nirgendwo zuhause zu sein
• enormer Leistungsdruck trotz Sehnsucht nach innerer Ruhe, dem Wunsch, im eigenen Leben anzukommen
• trotz Höchstleistungen kein Gefühl der Befriedigung, stattdessen Erschöpfung
• quälende Selbstermahnungen: Stell dich nicht so an. Reiß dich mal zusammen. Dir geht es doch gut.
Anderen geht es viel schlechter. Du hast doch alles.

Wie kann das sein? In den meisten Familien gibt es im Grunde wenig Spektakuläres zu berichten. Die Eltern
waren weder sonderlich streng, noch hatten sie ihre Kinder vernachlässigt. Es gab Familienurlaube und zu
Weihnachten Geschenke. Viele Kinder der Kriegsenkelgeneration hatten ein normales Familienleben mit
normalen Problemen und Spannungen.

Hypothese:

Die Ursache dieses Phänomens sind die nicht verarbeiteten Erlebnisse der Kriegsgeneration.

 

Transgenerationale Weitergabe

Katastrophen, Krieg, Flucht und Vertreibung, Gewalterfahrungen lösen oft traumatische Erfahrungen aus, die die
Betroffenen ein Leben lang belasten und die sie nicht selten an die Nachkommen weitergeben, obwohl diese selbst
keinen derartigen Traumata ausgesetzt waren. Bei deren Kindern oder sogar bei den Enkeln der Betroffenen können
diese unverarbeiteten Erlebnisse und Gefühle zu seelischen Störungen führen. Traumata können über Generationen
hinweg weitergegeben werden, man spricht hier von „transgenerationalen Weitergabe“. Bezogen auf den 2.
Weltkrieg ist es das Gefühl der Entwurzelung bei den Vertriebenen, die Beklemmung der Verschütteten, die Angst
der von Tieffliegern Gejagten, die Einsamkeit der Kinderlandverschickten.

 

Kriegskinder

Um die Bedeutung der transgenerationalen Weitergabe zu verstehen, ist es wichtig, zu wissen, wer die Kriegskinder
sind. Kriegskinder sind die Geburtsjahrgänge 1930-1945. Sie werden auch als vergessene Generation bezeichnet,
weil ihnen nicht bewusst war und ist, dass sie ein besonderes Schicksal eint, dass sie kriegstraumatisiert sind. Ein
Großteil von ihnen hat in frühen Jahren verheerende Erfahrungen (Bombenkrieg, Vertreibung, Verlust und
Trennung von Angehörigen, Gewalterfahrung, Todesangst, Hunger, Kälte, Heimatverlust) gemacht, ohne das Gefühl
zu haben, etwas Schlimmes erlebt zu haben.
Typische Sätze dieser Generation: Das war für uns normal. Andere haben es schlimmer gehabt. Das hat uns nicht
geschadet. Es war nie langweilig. Wir haben in der Zeit auch viel Schönes erlebt.

Bisher standen in erster Linie die Opfer der NS-Verbrechen im Fokus und wurden mit dem Begriff Trauma in
Verbindung gebracht. Die Deutschen und insbesondere auch die im Krieg geborenen Kinder als Opfer zu sehen ist
neu und galt lange als Relativierung der deutschen Schuld. Ihr Schicksal war erstmals auf dem ersten großen
Kriegskinderkongress in Frankfurt 2005 öffentliches Thema.

Kinder haben eine gute Antenne für die Gemütsverfassung der Eltern, selbst für deren verdrängten und
unverarbeiteten Erlebnisse. Es ist ein Irrglaube, die Kriegsschrecken könnten Kindern nichts anhaben, sie seien
immun dagegen und würden diese schnell vergessen. Je kleiner die Kinder zum Zeitpunkt der Traumatisierung,
desto größer die Spätfolgen. Die größten Beeinträchtigungen finden sich in den Geburtsjahrgängen der
Vierzigerjahre, die kaum oder gar keine bewussten Erinnerungen an die Kriegszeit haben.

Michael Ermann (Leiter der Abteilung Psychotherapie und Psychosomatik der Psychiatrischen Universitätsklinik
München) stellte 2009 eine Studie zum Thema ‚Kriegstrauma bei Kriegskindern‘ fertig. Die bislang (Stand 2010)
größte Studie zum Thema „Kriegskindheit“ ergab u.a.:

• Kriegskinder leiden bis heute weit häufiger unter psychischen Störungen wie Ängsten,
Depressionen und psychosomatischen Beschwerden als der Bevölkerungsdurchschnitt.
• Rund ein Viertel der befragten Kriegskinder zeigte sich stark eingeschränkt in der
psychosozialen Lebensqualität.
• Jeder Zehnte war traumatisiert oder hatte deutliche traumatische Beschwerden, zum Beispiel
wiederkehrende, sich aufdrängende Kriegserinnerungen, Angstzustände, Depressionen und
psychosomatische Beschwerden wie Krämpfe, Herzrasen und chronische Schmerzen.

Der Psychiater und Psychotherapeut Hartmut Radebold geht sogar von 60-70 Prozent traumatisierter Kriegskinder aus.

 

Folgen der Traumatisierung nach Michael Ermann:

• tiefe Verunsicherung
• vermeiden neuer Erfahrungen und neuer Gedanken
• Kontakt zu der Welt der Jüngeren daher eingeschränkt, wenig Interesse z.B. für den Beruf der Kinder
• Oberflächlichkeit, Gespräche über Alltägliches und Banalitäten
• wenig emotionale Beziehungen
• Gefühllosigkeit, Gefühlskälte
• Veränderungen bedeuten enormen Stress
• unhinterfragte Alltagsrituale und Routine
• allgemein hohe Stressanfälligkeit
• Schwarz-Weiß-Denken
• hohes Bedürfnis nach materieller Sicherheit
• extremes Sicherheitsbedürfnis
• Ich-Bezogenheit
• Wiederholung der immer selben Geschichten zur eigenen Stabilisierung
• Wut als einzige Ausdrucksform von Ärger
• Tüchtigkeit: Wer sein Innenleben nicht spüren kann, sucht die Aktion in der Außenwelt. Bestätigung von außen
schafft Linderung. Bricht die Tatkraft im Alter weg folgt Depression.

Inzwischen weiß man, dass es sich dabei um Posttraumatische Belastungsstörungen handelt. Erkenntnisse aus der
Traumaforschung in den USA wurden in Deutschland leider lange Zeit ignoriert, kamen erst mit 15 Jahren
Verspätung hier an. Da die Beschwerden überwiegend losgelöst von Bildern von Kriegsschrecken oder Träumen
auftauchen, wurde bis vor Kurzem kein Zusammenhang zu Kriegserlebnissen hergestellt und die Symptome blieben
rätselhaft.

Nicht selten nehmen die traumatischen Beschwerden im Alter zu oder werden im Ruhestand stärker
wahrgenommen als zuvor in der Zeit der Berufstätigkeit. Verdrängen wird immer schwerer. Manche Menschen
erleben eine Traumareaktivierung: Sie erinnern sich plötzlich wieder an früheres Leid, was z.B. durch Fernsehbilder
von jeweils aktuellen Kriegen ausgelöst werden kann wie z.B. Golfkrieg (1991) oder Irakkrieg (2003). Plötzlich
werden Menschen eingeholt von ihrer Vergangenheit. Die Kriegskinder spüren, dass sie sich ihren Erinnerungen
und dem Verdrängten zuwenden müssen, zunehmend verbalisieren sie das Unaussprechliche, um in ihrem letzten
Lebensabschnitt ihren inneren Frieden finden zu können. Daher die zunehmende Aktualität.

So dringt das Leid der Kriegskinder immer mehr in das Bewusstsein. Das psychische Erleben und das Empfinden
rücken erstmals in den Fokus. Die Wut und die Trauer über die verpasste Kindheit, die Gefühle von Hilflosigkeit,
Einsamkeit und Angst. Es wird sich nicht mehr länger ausschließlich mit der moralischen Ebene des Kriegs
auseinandergesetzt. Fragen danach lösen oft Ärger und Schweigen aus oder die immer gleichen „Kriegsanekdoten“.

Bei den Kriegsanekdoten handelt es sich um sogenannte Deckerinnerungen, einer Version der Erinnerung, mit der
sich leben lässt, die vom eigentlich traumatischen Geschehen ablenkt und sich um Nebensächlichkeiten dreht. Sie
erklären nicht, sondern vernebeln und verschweigen, was schwelt und schmerzt. Die Kriegskinder spalteten Gefühle
ab, die sie nicht verkraften konnten und hielten sich an den schönen Erinnerungen fest.

Die Folge: Trügerische Ruhe, die sich in Depressionen oder scheinbar grundlosen Wutausbrüchen entlädt.

Auch ist zu beachten, dass es eine große Kluft gibt zwischen den weitergegebenen Familiengeschichten und den
historischen Fakten: Im Familiengedächtnis herrscht das Bild vor, dass die Bösen immer die anderen waren. Der
Sozialwissenschaftler Harald Welzer hat in einer Studie Kinder und Enkel der Kriegsgeneration befragt. Darin heißt
es, dass 26% der damals erwachsenen Bevölkerung Verfolgten geholfen hat, 13% im Widerstand aktiv waren und
17% immer den Mund aufgemacht haben, wenn es darum ging, Unrecht beim Namen zu nennen und Drangsalierte
zu verteidigen.


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