Perspektive haben

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Abstract

Die vorliegende Arbeit stellt die individuelle Wahrnehmung und Interpretation der Welt in den Fokus
– eine der grundlegenden Bestandteile des systemischen Coachings. Was sind Perspektiven? Warum
variieren Perspektiven?

Durch verschiedenen Wahrnehmungsfilter und Verarbeitungsprozesse entwickelt jeder Mensch seine
eigene, dynamische Perspektive. So unterschiedliche die Perspektiven sind, so divers können Ansätze
sein, um die eigene Perspektive zu verändern oder zu wechseln.
Eine neue oder veränderte Perspektive kann dabei helfen, neue Eindrücke, Ressourcen und Ideen zu
sammeln, indem eine Situation oder eine Thematik von einer anderen Seite betrachtet wird.

Systemisches Coaching kann bei der Findung bisher unbekannter Ressourcen oder Lösungsoptionen
helfen, bzw. eine Abkürzung eröffnen – indem der Coach dem Coachee Perspektivwechsel anbietet.
Dafür gibt es eine schier unendliche Auswahl an möglichen Tools und Formaten, wie das innere Team
oder die Nutzung von systemischen Fragen.

 

Meine Motivation

Diese Abschlussarbeit hat keinen wissenschaftlichen Anspruch.

Vielmehr möchte ich hier meine Wertschätzung für die unzähligen, individuellen und sich ständig
verändernden Sichtweisen auf diese Welt zum Ausdruck bringen. Mit dem Wissen, dass es mehr als
nur meine eigene limitierte Perspektive auf die Welt gibt, setze ich nicht mehr voraus, dass jemand
die Welt durch genau meine Brille betrachtet. Gleichzeitig kann ich mir eine neue Welt erschließen,
indem ich offen dafür bin, meine Perspektive zu wechseln – wenn mir danach ist.

Auch vor der Ausbildung habe ich mich mit dem Konstruktivismus und meiner eigenen Selbstreflexion
beschäftigt. Und doch, wer hätte es gedacht, konnte ich während der Ausbildung viele neue Sichtweisen
sammeln. Der Perspektivwechsel, in meinem Verständnis, eine der essentiellen Grundlagen des sys-
temischen Coachings.

 

1 Die individuelle Perspektive

Der konstruktivistische Ansatz unterstellt, dass wir Menschen nicht die eine Wahrheit erkennen, sondern
jeder für sich seine individuelle Welt als Wahrheit und Realität konstruiert 1. Diese individuelle Realität
entsteht durch die Art und den Umfang der aufgenommenen Sinneseindrücke und deren intrapersonellen
Verarbeitung und Interpretation.

Damit möchte ich sagen: jeder Mensch bedient sich unterbewusst seiner eigenen Wahrnehmungsfilter
und Verarbeitungsprozess. Dadurch gestaltet jeder Mensch unbewusst seine subjektive Realität.

Der Duden bietet zum Thema „Perspektive“ unter anderem folgende Informationen 2 :

 

Perspektiven werden demnach nicht nur mit einer Betrachtungsweise assoziiert, sondern auch mit
einer Zukunftsmöglichkeit. Dies entspricht der lösungsorientierten Haltung im systemischen Coaching.

Nachfolgend drei Ansätze aus dem NLP, die in Kombination mit einer konstruktivistischen Haltung
einen Erklärungsansatz bieten.

 

1.1 Repräsentationssysteme

Mit Repräsentationssystemen sind im NLP unsere Sinnessysteme gemeint:

Jeder Mensch nutzt seine Sinne in unterschiedlicher Art und Ausprägung. Während der eine
den gehobenen Daumen als vollumfängliches Lob oder Zustimmung erkennt, versteht ein
anderer die Anerkennung erst, wen sie mit einem passenden Tonfall laut ausgesprochen wird.
Wieder ein anderer spürt das Lob mit einem High 5 oder einem Handschlag.

Allein dieser Unterschied führt dazu, dass Lebewesen die Welt unterschiedlich wahrnehmen
und interpretieren – eben unterschiedliche Perspektiven auf ein und dasselbe haben. Wenn
zwei Menschen aufeinandertreffen, die unterschiedliche Repräsentationssysteme, bzw. Sinnes-
kanäle präferieren, bietet sich Raum für Missverständnisse 3.

Ein praktisches, recht einfaches, wenn auch konstruiertes Beispiel:

„Als visueller Chef verteile ich häufig mal den „Daumen nach oben“. Ich möchte gerne
Anerkennung verteilen, das ist mir wichtig. Meine Mitarbeiter sollen wissen, dass ich
ihre Leistung sehe.“

„Als auditiver Mitarbeiter fehlt es mir hier an Verständnis. Ich würde gerne mal ein
deutliches Feedback hören. Aber was Lob angeht herrscht absolute Stille, meine
Leistung wird mit keiner Silbe erwähnt.“

Obwohl beide nichts Böses im Sinn haben, entsteht ein Missverständnis. Der auditive Mitarbeiter
fühlt sich nicht wertgeschätzt. Der visuelle Chef bemerkt die Unzufriedenheit des Mitarbeiters ent-
weder gar nicht oder kann sie nicht einordnen, da er seiner Meinung nach recht großzügig mit gutem
Feedback ist.

Ein anderes Beispiel:

Zwei Freunde fahren gemeinsam in den Urlaub und berichten bei ihrer Rückkehr von
ihren Erfahrungen:

Freund 1: „Es war ein Traum. Weißer Sandstrand, soweit das Auge reicht, der Himmel
war blau und das Wasser kristallklar. Deswegen war das Schnorcheln auch richtig toll,
wir hatten klare Sicht und konnten richtig viele kunterbunte Fische sehen. Das Hotel-
zimmer  war jetzt nicht wirklich modern eingerichtet, aber dafür hatten wir einen
schönen Meerblick.“

Freund 2: „Joa, war ganz nett. Die lange Schlange am Buffet abends fand ich echt an-
strengend und die Liegen am Strand waren leider total unbequem. Das angenehm
warme Wasser beim Schnorcheln hat das so ein bisschen ausgeglichen, aber vorher und
nachher habe ich auf dem Boot, mit dem wir rausgefahren sind, ganz schlimm gefroren.
Und dann funktionierte auch das warme Wasser unter der Dusche nicht…“

Die Beispiele zeigen, dass, je nach präferiert angewandtem Repräsentationssystem, dieselbe
Situation komplett unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Eng verknüpft mit der
Wahrnehmung ist die Interpretation dieser Situation und folglich die Perspektive auf die Welt.


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1 P. Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?: Wahn, Täuschung, Verstehen; Piper ebooks, 2018
2 Dudenredaktion (Hrsg.). (o.J.). Perspektive. Duden online. abgerufen von https://www.duden.de/rechtschreibung/Perspektive
3 A. Mohl: Der Zauberlehrling: Das NLP-Lern- und Übungsbuch, Junfermann Verlag GmbH, 2012, S. 43