Selbstwirksamkeit im System

Abschlussarbeit von anonym, als PDF lesen


Was ich während der systemischen Coachingausbildung über das Leben gelernt habe

Diese Arbeit ist eine gedankliche Auseinandersetzung mit dem Begriff der Selbstwirksamkeit. In Bezug auf den
persönlichen Kontext wird die Selbstwirksamkeit auf unterschiedliche Systeme angewendet. Wobei die systemische
Selbstwirksamkeit als natürliches Gleichgewichtsstreben betrachtet wird.
Aus der persönlichen Erfahrung heraus wird geschildert wie ein innerer Gleichgewichtszustand durch die freiwillige
Akzeptanz der Gegensätzlichkeit und der Hinnahme der eigenen Sterblichkeit erreicht werden kann. Woraus sich als
Konsequenz eine permanente, selbstverantwortliche Auseinandersetzung mit und Hingebung zu einer neutralen,
eigenen Ganzheit voraussetzt. Diese Ganzheit ist in sich vollkommen und reguliert sich selbst, verneint aber eine
moralische Erhebung, beziehungsweise Erniedrigung gegenüber anderen.

 

Warum Selbstwirksamkeit für mich wichtig ist 

Meine Geschwister und ich sind als Kinder beinahe täglich ungeschützt dem Hass und der Gewalt unserer
Eltern ausgeliefert.
Über Jahre wird unsere Würde zerschmettert.
Niemand hilft uns.
Keiner sieht hin.
Wir klammern uns aneinander.
Oft haben wir nichts zu essen.
Dürfen nichts sagen.
Nichts fragen.
Um nichts bitten.
Bekommen weder Liebe noch Zuneigung.
Leben in Angst und Schrecken.
Meine Mutter droht damit, meine Schwester totzuschlagen. Täglich schreit sie: „Ich bringe sie um. Ich schlage sie tot.“
Meine Schwester weint und fleht um Hilfe. Ich kann nichts tun. Habe zu viel Angst. Bin zu klein und zu
schwach, um mich der Aggressivität meiner Mutter zu stellen. Ich sehe wie sie auf meine Schwester einschlägt.
Mit Fäusten. Mit Gegenständen. Mit allem was sie finden kann. Sie bricht ihr Knochen.
Ich schalte mich aus. Spalte meine Gefühle ab. Gewöhne mir an Menschen ganz genau zu beobachten und
lerne mich blitzschnell an jegliche Situation anzupassen.
Mit fünf Jahren werde ich eingeschult. Meine Rettung. In der Schule schaffe ich mir einen sicheren Ort. Eine
Parallelwelt. Ich suche nach Antworten, nach Wissen, nach Hoffnung, nach Halt. Noch glaube, ich mich
niemandem anvertrauen zu können, da meine Mutter mir immer wieder sagt: „Wenn rauskommt, was bei
uns zu Hause vorgeht, kommt das Jugendamt und nimmt euch mir weg.“ Weiter droht sie: „Dann bringe ich
mich um.“
Durch die jahrelange Vernachlässigung, die permanente Demütigung und das Erleben von Gewalt, als
Konsequenz der puren Existenz, fühle ich mich unwürdig. Ich suche nach einem Sinn für das Erlebte und
versuche zu begreifen, warum wir so etwas schlimmes erfahren müssen.
Einige Jahre vergehen. Ich bin der Spielball meiner Mutter. Ich soll all ihre Forderungen erfüllen.
Widerworte werden nicht geduldet. Sie hält lange Reden über ihre geradezu nihilistische Weltanschauung.
Ich höre ihr zu und versuche, ihr Bedürfnis nach Anerkennung zu befriedigen, damit sich ihre Brutalität nicht
gegen mich richtet. Innerlich weiß ich, dass ihre persönlichen Erfahrungen sie zu einer falschen
Interpretation führen. Dass sie zu schwach ist, das Erlebte zu überwinden und es ihre Schwäche ist, die sie
dazu führt, in Hass und Neid zu leben. Ein Gewissen hat sie, das spüre ich. Denn, wenn ihr Gewissen sie auf
ihre Unzulänglichkeit hindeutet, wird sie rasend vor Wut. Insbesondere ihre eigenen Schuldgefühle kann
sie nicht aushalten. Es wirkt auf mich, als müsse jemand anderes für sie schuldig sein. Sie selbst will keine
Verantwortung übernehmen. Sie will sich dem Gefühl der Berechtigung, an ihren Kindern ihren Zorn
auslassen zu dürfen, hingeben.
Im Grundschulalter entscheide ich mich dazu, nicht dem Vorbild meiner Eltern zu folgen, sondern einen
anderen Weg zu gehen. Ich entscheide mich dazu, stark zu sein und an die Liebe zu glauben. An eine Liebe,
die ich selbst nicht kenne und auch nicht durch andere erlebe, von der ich aber weiß, dass sie existiert.
Beweise habe ich keine. Ich weiß nur, dass ich sie fühle und sie für mich wichtig ist. Auch für meine Mutter.
Also versuche ich sie ihr zu geben.
Schnell begreife ich, dass ich die Fähigkeit zum Handeln besitze. Die Fähigkeit zum Überleben. Ich muss
mich nur schlau anstellen und diszipliniert sein. Ich möchte meine Familie nicht verlassen, weil ich den Tod
meiner Schwester und meiner Mutter fürchte und davon ausgehe, dass ich den Tod der beiden, als
ausgleichendes Element zwischen ihnen, verhindern kann solange ich bei ihnen bleibe. Also entscheide ich
mich dazu, alles auszuhalten.
Ich erkenne, worin meine persönlichen Stärken liegen und entscheide mich, an sie zu glauben. Ich weiß,
dass ich stark genug bin, die Parallelwelt aus Familien- und Schulleben noch ein paar Jahre
aufrechtzuerhalten. Auch weiß ich, dass ich intelligent genug bin, um meinen Schulabschluss zu schaffen,
ohne dass ich etwas für die Schule tun muss, denn zu Hause habe ich weder die Zeit, noch erlauben meine
Familienmitglieder es mir, etwas für meine Bildung zu tun.
Ich trenne die Welten. Ich trenne mich innerlich von mir selbst. In der Schule bin ich aufmerksam,
aufgeweckt und habe gute Noten. Zu Hause versuche ich das Schlimmste zu verhindern. Mit elf Jahren gehe
ich bei anderen Leuten putzen, damit ich mir von dem Geld etwas zu essen kaufen kann. Das Essen
verstecke ich in meinem Kleiderschrank, damit es mir keiner wegnehmen kann.
Die Ereignisse überschlagen sich. Das Schicksal wird teilweise fast unaushaltbar. Ich kämpfe mich durch.
Immer wieder quälen mich die Fragen des Lebens:
Was soll ich tun?
Darf ich meine Familie verlassen?
Meine Schwester im Stich lassen?
Darf ich meine eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund stellen und ein gerechtes Leben fordern?
Wie geht das?
Wer kann mich beschützen?
Warum muss ich das erleben?
Was habe ich getan?
Die Diskrepanz zwischen meiner Wunschvorstellung und der brutalen Realität wird zunehmend größer. Das
Schicksal schlägt mir immer wieder Mitten ins Gesicht. Ich rappele mich auf. Gehe weiter. Doch ist es fast
so, als würde sich die Schicksalsschlinge immer dichter um meinen Hals legen. Immer wieder zieht sie sich
zu. Ich spanne die Halsmuskeln an und lasse mir die Lebensluft nicht abschnüren. Ich lasse es nicht zu. Ich
glaube an mich. Will es zumindest. Ich will an mich und das Leben glauben. Permanent reflektiere ich mich
selbst, andere und das Leben als solches. Trotzdem wiederholt sich das Schicksal wie ein Teufelskreislauf
immer wieder. In der Reflektion sind die Schmerzen über das Schicksal und das Erschrecken über das
Grauen im Menschen für mich kaum auszuhalten.

Die Schlinge zieht sich zu. Ich kann nicht mehr. Ich lasse los.

Der Transformationsprozess
Ich halte inne. Schaue in mich hinein. Schaue mich innerlich um. Analysiere wieder jeden einzelnen Gedanken.
Strukturiere sie: Die Gedanken, die Gefühle, die Erinnerungen, die Sehnsüchte, das Verdrängte, die Ablehnung, das
Leugnen. Ich stelle mich mir selbst. All dem was ich bin. Licht und Schatten. Liebe und Hass. Hoffnung und
Verzweiflung. Gut und Böse. Vergangenheit. Gegenwart. Zukunft.

Ich begreife, dass in der Akzeptanz der Wahrheit die Kraft liegt, die ich brauche, um mich ganz zu fühlen. Ich
akzeptiere. Ich erlebe innerlich jede einzelne Missbrauchssituation noch einmal und akzeptiere die Wahrheit. Erlebe
den Schmerz darüber was mir angetan wurde. Was meinen Tätern angetan wurde. Was ihren Eltern und den
Generationen davor angetan wurde. Was wir uns selbst täglich antun. Aus Unwissenheit. Der Unwissenheit einer
ungesunden Kultur.

Für mich beginnt eine Reise. Ich lasse mich voll und ganz auf sie ein. Ich lasse immer mehr los. Innerlich sehe ich
mich selbst aus meiner erstarrten Persönlichkeit in die Freiheit treten. Ich öffne mein Herz. Lerne mir selbst und
allen anderen zu verzeihen.

Ich begreife, dass das Leben Respekt, Verbundenheit und Anteilnahme will. Ich akzeptiere, dass ich keine
Wiedergutmachung bekomme. Dass es keinen Sinn für das Erlebte gibt. Das fällt mir schwer. Dennoch weiß ich, dass
im Zusammenspiel aus der Begegnung des Grauens und gleichzeitiger Hingabe zur Trauer und Menschlichkeit das
Geheimnis liegt und nicht im billigen Trost oder in der Ablehnung des katastrophalen Bösen. Es gelingt mir erst, als
ich in der Lage bin, meine kindlichen Sehnsüchte vollständig aufzugeben und zu akzeptieren, was ich bin, ohne eine
Beruhigung in der Ereignisdeutung zu wollen oder kontrollierbare Sinnhaftigkeit vom Leben zu verlangen.

Aus der Akzeptanz eröffnet sich die Gegenwart. Endlich. Ich kann mich der Realität stellen. Kann sie sehen und
erleben. Fühle -zum ersten Mal in meinem Leben- inneren Frieden. Die Fragen verändern sich.

Was fange ich jetzt damit an?

Welche Verantwortung möchte ich übernehmen?

Während der gesamten Zeitrecherchiere ich im Internet und suche nach Antworten. Suche nach Menschen, die
Ähnliches erlebt haben. Durch die Recherche und den intensiven Beobachtungen wird es für mich immer klarer:
Alles was ich mir bereits als Kleinkind gewünscht habe und von dessen Existenz ich innerlich sehr genau wusste, war
kein Irrtum. Menschen denken seit jeher darüber nach. Sie fordern Freiheit in der Wahrheit und Frieden in der
Ganzheit. Es liegt in unserer Natur.


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