„Haben Sie Kinder?“ Wie Elternsein den Blick auf sich und die Welt verändert und…

 die Welt verändert und wie systemische Coaching-Techniken
Eltern und Kinder unterstützen können

Abschlussarbeit von Ingola Stövesand, als PDF lesen


Motivation und Ziel dieses Arbeitsthemas

„Haben Sie Kinder?“ Jeder kennt diese Frage, doch nur Eltern wissen, was das „Ja, habe ich.“ in all seiner
ganzen Dimension bedeutet, für das eigene Leben, die Sicht auf die Umgebung und für die Kinder selbst.
Und je mehr Kinder man hat und je älter diese Kinder werden, desto umfassender ist das Gefühl für dieses
„Ja.“ Ich habe  drei Kinder zwischen 13 und 18 Jahren und beginne zu ahnen, wie viele Dimensionen dieses
Gefühl noch annehmen kann. Daher bin ich unendlich dankbar, den Weg zum Coaching mit all seinen Ideen
und Möglichkeiten gefunden zu haben.

Kinder zu haben, verändert das eigene Leben ab der ersten Sekunde. Wenn man sich selbst ungefragt zurück-
stellt, weil „jemand“ anderes wichtiger ist als man selbst. Und der ist häufig noch nicht einmal besonders ko-
operativ. Wenn man sich immer wieder um alles und nichts Sorgen macht, weil sich die Welt da draußen auf
einmal erschreckend gefährlich präsentiert. Wenn man nachts wach liegt und um Entscheidungen ringt oder
Reaktionen hin und her wälzt. Wenn man permanent mit Neuem konfrontiert wird, nichts wirklich verlässlich
erscheint und man doch einfach nur „richtig“ entscheiden möchte.

Elternsein kommt in der Regel mit einem riesengroßen Gefühlskosmos daher: Liebe genauso wie Angst, Nähe
genauso wie Distanz, Vertrauen genauso wie Verlust, Erfüllung genauso wie Ohnmacht, Respekt genauso wie
Wut oder Ohnmacht. Keiner kann uns derart an unsere eigenen Grenzen treiben, wie unsere Kinder. Ihre Be-
gleitung bringt eine Vielzahl von Herausforderungen mit sich, die wir Eltern irgendwie bewältigen müssen.
Mal klappt es gut, mal besser, mal gar nicht. Jedes Kind ist anders, jeder Vater, jede Mutter. Familien- und
Gesellschaftsstrukturen kommen noch oben drauf. Lebensstandards, Optionen, Zwänge. Komplexität pur.
Und ein Handbuch? Gibt es auch nicht. Herzlichen Glückwunsch. Elternsein ist echtes Ausdauertraining mit
vielen Bergen und Tälern, mit Lernkurven und Sackgassen. Die guten Nachrichten vorab: Es geht so gut wie
allen Eltern so. Es gibt immer mehr als nur den einen Weg. Und es gibt nur selten falsch oder richtig. Es gibt
viel mehr anders.

Wir können uns jetzt durch die Regalmeter an Ratgeber-Literatur lesen und Kindererziehung-leichtgemacht-
Kurse absolvieren. Alles, was uns hilft. Alles, was Klarheit für uns und unser spezielles Setting schafft. Was
uns in unserem Tun stärkt, damit unsere Kinder irgendwann zu uns sagen können: „Ich danke Dir von ganzem
Herzen, daß Du immer für mich da warst, an mich geglaubt hast, mich bestärkt hast, meinen eigenen Weg zu
gehen, meine Geschichte selbst zu schreiben.“ Ein Traum. Oder? Auf jeden Fall ein Sehnsuchtsziel – und kein
leichter Weg. Aber wir sollten alle Möglichkeiten nutzen, um diesen Satz irgendwann zumindest in Teilen zu
hören zu bekommen. Und sei es nur durch einen dankbaren Blick unserer Kinder, der uns tief berührt.

NLP- als auch Systemische Coaching-Ausbildungen bieten eine beeindruckende Vielfalt an Handlungs- und
Gestaltungsmöglichkeiten, damit wir uns und unsere Kinder für ein erfülltes Leben befähigen können.

Diese Arbeit soll einen Einblick und eine Auswahl von Möglichkeiten präsentieren, die ich in meinem direkten
Umfeld als besonders hilfreich erfahren habe. Die folgenden Seiten repräsentieren gleichzeitig meine persönlichen
Folgerungen und Schlüsse aus mehreren Jahren Beschäftigung mit Coaching-Literatur und -Angeboten sowie
zwei Coaching-Ausbildungen. Ach ja, und über 18 Jahren Elternsein. Es gibt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit
oder universale Umsetzbarkeit. Es soll keine pädagogische Abhandlung zu Lerntheorien, Altersabstufungen oder
ähnlichem werden. Diese Arbeit soll lediglich die universalen Möglichkeiten des systemischen Coachings aufzeigen,
wie wir uns und unsere Kinder in dem chaotisch-trubeligen Familienalltag immer wieder in unsere Kraft bringen
und dort halten können. Wie wir uns und unsere Kinder im Miteinander seelisch stabil und gesund halten können,
denn das ist aus meiner Sicht eine absolute Grundbedingung für ein „gutes Leben“. Dabei sollte sich nach meinem
Verständnis kein Elternteil als Coach für die eigenen Kinder versuchen. Durch die systemische Verstrickung inner-
halb der Familie können Eltern nur sehr bedingt die Rolle des Coaches einnehmen, denn die verlangt Neutralität
und Ausgewogenheit und das ist als Teil des Systems so eine Sache. Aber Eltern können ihr Denken und Handeln
im Elternsein mit Hilfe bestimmter Techniken ständig auf den Prüfstand heben, um liebevoll, klar und selbstwirksam
entscheiden, handeln und unterstützen zu können. Und so sich selbst und ihren Kindern die Kompetenzen und
Stärken zu vermitteln, die sie für ein erfülltes Leben brauchen werden.

 

Grundbedürfnisse des Menschen

Viele Dinge, die wir Eltern für unsere Kinder tun, sind fraglos gut gemeint. Aber deswegen nicht unbedingt gut.
„Ich will doch nur Dein Bestes.“ Dieser typische Eltern-Satz ab der Kleinkind-Zeit ist in der Regel gut gemeint.
Und hat doch bei vielen und vielem genau das Gegenteil bewirkt. Warum? Weil er häufig Entscheidungen setzt
und damit eigene Erfahrungen des Kindes vorwegnimmt. Weil er Handlungsräume und -motivationen zur Seite
wischt und gemachte (eigene) Erfahrungen als wertvoller einstuft als noch zu machende. Weil er ein Grundbe-
dürfnis des Menschen und damit auch des Kindes ignoriert. Weil er langfristig Selbst-Un-Wirksamkeit erzeugen
kann. Und das ist definitiv nicht gut.

Seelische Gesundheit und Ausgewogenheit hat ein paar Grundpfeiler, ohne die es einfach nicht geht und deren
Stabilität schon in frühester Kindheit beeinflusst wird. Wir sprechen hier nicht von kindlichen Wunschlisten  oder
Befindlichkeiten. Wir sprechen von etwas absolut Fundamentalem für jede Form von Großwerden: Unsere Grund-
bedürfnisse. Deren Befriedigung ist unabdingbar für die seelische Gesundheit jedes Menschen und zu keiner Zeit
verhandelbar. Sie hat direkten Einfluss auf unser biochemisches Gleichgewicht durch die Ausschüttung bestimmter
Substanzen, wie z.B. Dopamin, etc. und damit über „Alles in Ordnung.“ oder „Mir geht’s nicht gut.“ entscheidet.

Eine Verletzung unserer Grundbedürfnisse kann folgenschwere Auswirkung auf Denken, Handeln und Fühlen haben
und das u.U. ein Leben lang. Je tiefgreifender und andauernder die Verletzung erfolgt (ist), umso schwieriger ist sie
sicht- und neu bewertbar zu machen. Eltern sollten also ein hohes Interesse daran haben, die Grundbedürfnisse
ihrer Kinder in ihren Ausprägungen zu erkennen und zu befriedigen. Das Blöde ist (wer hätte es gedacht), daß die
Grundbedürfnisse schön versteckt im Unterbewussten residieren und das Bewusstsein leider keine Telefonnummer
bekommen hat. Wir müssen also versuchen, sie an Verhalten, Denk- und Sprachmustern zu erkennen, zu inter-
pretieren und passend darauf reagieren. Denn nur dann können wir an der Ursache (Bedürfnis) arbeiten und nicht
nur am Symptom (Verhalten). Das Thema hinter dem Thema finden. Das ist Ziel und Ausgangsbasis in einem.

In Kurzform lassen sich die menschlichen Grundbedürfnisse1 wie folgt beschreiben:

  1. Selbstwert: Das Fundament unseres Lebens
    Ein positives Selbstwertgefühl gibt uns das Gefühl, unser Leben jederzeit meistern  zu können.
    Wir haben einen großen Glauben an uns selbst, an unser Können, unsere Energie und das auch
    in schwierigen Zeiten. Wir wissen, daß und wie wir klarkommen,  auch wenn nicht alles nach
    unseren Wünschen geschieht. „Ich bin nicht perfekt, doch  ich bin in Ordnung, so wie ich bin.“
    ist die Grundhaltung, die wir bestenfalls entwickeln konnten und die uns durch das Leben tragen
    wird. Verlässliche Fürsorge, Liebe und  Unterstützung sind hier die wichtigsten Faktoren. Ver-
    letzungen dieses Bedürfnisses  können Depressionen, Ängste oder andere stark einschränkende
    Störungen auslösen.
  2. Bindung: Die anderen in unserem Leben
    Wir sind soziale Wesen und brauchen unser Leben lang andere Menschen, um zu überleben
    und um uns wohlzufühlen. Isolationshaft ist nicht umsonst in fast jeder Kultur auf dieser Erde
    die schlimmste Form der Bestrafung. Die Bindungserfahrungen, die wir im Kindesalter machen,
    können unser gesamtes weiteres Beziehungsleben bestimmen.  Im besten wie im schlechtesten
    Fall. Zuverlässigkeit, Verlässlichkeit, Aufmerksamkeit,  liebevolles Kümmern in guten wie in
    schlechten Zeiten werden in jeder Forschungsrichtung  als absolut fundamental für die seelische
    Gesundheit eingestuft
  3. Kontrolle und Autonomie: Der Boss sind wir
    Menschen wollen zu jeder Zeit die Kontrolle über ihr Tun haben. Macht- und Hilflosigkeit kann
    lebensbedrohlich für uns sein. Das Gefühl der Ohnmacht, wenn permanent über unseren Kopf
    hinweg entschieden und gehandelt wird, macht uns zum Spielball und entzieht uns Energie.
    Energie, die wir dringend für ein selbstbestimmtes, selbstwirksames Fühlen, Denken und Tun
    benötigen. „Erlernte Hilflosigkeit“2 im Sinne von „Ich kann ja sowieso nichts tun.“ bringt uns
    in eine dauerhafte Opfer-Haltung, bei der Veränderungsnotwendigkeit ausschließlich im Außen
    gesucht wird, denn man selbst hat ja schon früh  gelernt, daß man selbst nichts tun kann.
  4. Lustgewinn und Unlustvermeidung: Alles, was uns (vermeintlich)
    guttut und wenig
    Aufwand erfordert
    Jeder kümmert sich nur um sich selbst. Nicht nur, aber auch. Und das ist wichtig und richtig.
    Denn damit schützen wir uns selbst und sichern unser Überleben. Schwierig wird es dann,
    wenn wir unseren Lustgewinn vor alles und jeden anderen setzen, und wenn er schnell,
    einfach und andauernd, wenn nicht sogar ausschließlich sein muss. Dann ist der Weg in
    die Abhängigkeit schnell verfügbarer Drogen (Alkohol, Zigaretten,  Essen, ..) und Ab-
    lenkungen (Videospiele, „soziale  Medien“, Shopping, sexuelle Abenteuer…)  mit hoher
    Dopamin Ausschüttungen nicht weit. Vielfach  werden wir dann von dieser  Belohnungs-
    art kontrolliert, statt daß wir sie kontrollieren.

Unsere Grundbedürfnisse treten auch gerne mal im Team auf und geraten hier häufig in Zielkonflikte. Nähe-
und Autonomiebedürfnis im Schulterschluss, unterstützt von hormonellem Überschuss sind gerade in der Tee-
nagerzeit eine hochemotionale Kombination für alle Beteiligten. Wenn wir als Eltern versuchen, das Bedürfnis
hinter den geäußerten Befindlichkeiten und dem gezeigten Verhalten zu erkennen, haben wir zumindest eine
gute Chance etwas Notwendiges gut und angemessen zu bedienen. Denn das gezeigte Verhalten fordert einfach
nur die Befriedigung des Grundbedürfnisses ein. Und verfolgt damit eine mehr als angebrachte und gute Absicht
für uns. Das schweineteure Paar Schuhe/Jeans/… muss unbedingt und sofort sein? Geht es noch? Weil alle in der
Clique die jetzt haben? Weil die Tochter/der Sohn dazugehören will? Weil die völlig überteuerten Klamotten eine
sichtliche Gruppenzugehörigkeit (Grundbedürfnis Bindung)schaffen, die für mein Kind jetzt gerade wichtig ist?
Mmh. Es braucht kein schnelles „Ach, klar, dann kaufe ich Dir die natürlich.“ sein. Das Kind kann aktiv an der
Lösung mitarbeiten, sobald es verstanden hat, daß Geld in fast jedem Haushalt begrenzt ist und Konflikte durch
Verhandlungen gelöst werden können. Erarbeitetes übergibt Kontrolle und damit die Überzeugung, selbst etwas
tun zu können, wirksam für sich und seine Bedürfnisse sorgen zu können. Zusätzlich schafft es Kooperations-
bereitschaft und – fähigkeit. Das Kind könnte vielleicht die nächsten Wochen bestimmte Tätigkeiten im Haushalt
übernehmen? Oder wie könnte die Zugehörigkeit auch ohne die Schuhe hergestellt werden? Das wäre doch eine
von mehreren denkbaren Lösungen.

 

Wert-volle Begleitung in und durch das eigene Leben

Wie vielleicht schon bemerkt, wird der Begriff Erziehung hierr nicht verwendet. Denn Kinder wachsen auch
dann auf, wenn man nicht (wohin auch immer) an ihnen zieht. Sie werden bestenfalls in eine Familie geboren
und werden dort die ersten Jahre behütet, begleitet und beschützt und in ihren individuellen Fähigkeiten und
Interessen unterstützt. In dieser Zeit, ihrer Kindheit, werden sie ihre ganz persönliche Schablone, ihr Schema
entwickeln, mit dem sie fortan alles in ihrem Leben einsortieren. Von ganz entscheidender Bedeutung ist dabei,
daß ihre Grundbedürfnisse erkannt und erfüllt werden. Glaubenssätze, d.h. innere Überzeugungen, die bewusst
oder unbewusst bis weit ins hohe Erwachsenenalter das Denken und Handeln des Einzelnen beeinflussen können,
werden häufig in dieser Zeit gebildet. Die in der Familie bewusst oder unbewusst gelebten Werte, Bewertungs-
und Handlungsmuster werden verinnerlicht und prägen das Fühlen und Denken des Kindes auf lange Zeit. Und
hier geht es um das ganz alltägliche Miteinander: Wie gehen die einzelnen Familienmitglieder miteinander um?
Liebevoll, wertschätzend und respektvoll oder verletzend und abschätzig? Wie verlässlich, ehrlich und zugewandt
verhalten sich die Familienmitglieder untereinander? Werden Konflikte und Probleme aus- bzw. angesprochen
und gelöst oder totgeschwiegen? Werden Fehler zugegeben und ehrliche Entschuldigungen zeitnah adressiert?
Wird fühlbar und bedingungslos geliebt, versorgt, gekümmert und Freude gebracht ohne daß dafür eine Gegen-
leistung erbracht werden muss? Werden die einzelnen Familienmitglieder in Entscheidungen involviert und
erarbeitet man gemeinsam für alle tragfähige Lösungen oder wird für sie über ihren Kopf entschieden? Werden
Handlungs-motivationen aufgemacht und unterschiedliche Perspektiven und Betrachtungsweisen im Sinne eines
Reframings aufgezeichnet? Verfügen die einzelnen Familienmitglieder über gesunde und gut funktionierende Be-
wältigungsstrategien in unterschiedlichen Kontexten? Wieviel Verständnis wird für andere Sichten und Wege
geschaffen? Wie wird Arbeit bzw. Beruf von den Eltern erlebt? Als Belastung oder als Erfüllung? Wie hoch ist
die Bereitschaft, die eigene Komfortzone zumindest teilweise zu verlassen und sich auf Neues einzulassen? Wird
Lernen und Veränderung positiv bewertet oder als anstrengend und unnötig? Wird Hilfe und Unterstützung für
andere als selbstverständlich angesehen und aktiv gelebt oder wird nur eingefordert? Die Antworten auf all diese
Fragen leben Familien im täglichen Miteinander und formen im Laufe der Jahre die Schablone, das Schema, die
Sicht auf die Welt ihrer Kinder. Genauso wie die Strategien, mit denen man seinen sozialen Kontakten als auch
seinen Herausforderungen begegnen kann.

 

Schule – Lernen, aber nur bedingt fürs Leben

Wir alle sind Teil eines Systems bzw. mehrere Systeme: Familie, Freundeskreis, Sportverein, Schule,
Gesellschaft, …. Je bewusster wir uns dieser Tatsache sind, desto besser. Denn dadurch können wir uns
darüber klarwerden, welche Handlungszwänge und welche Handlungsmöglichkeiten sich für uns und
unsere Kinder ergeben. Ganz entscheidend ist m.E. die Unterscheidung von Restriktion und Problem.
Fraglos sollte jedes Kind eine schulische Ausbildung erhalten. In den meisten Ländern ist dieses Grund-
recht auf Bildung durch die Schulpflicht fest verankert. Kommt ein Kind mit „der Schule“ nicht klar, so
ist  das eine Restriktion. Es gibt kaum Alternativen zum System der schulischen Ausbildung an sich. Aber
innerhalb des Systems gibt es durchaus verschiedene Möglichkeiten, wie z.B. unterschiedliche Gymnasien,
Gesamtschulen, Montessori- oder Waldorf-Schulen, etc. Für Eltern besteht also ein gewisser Handlungs-
spielraum. Alle Alternativen haben ihre eigenen Regeln und Strukturen. Hier gilt es, das Bestmögliche zu
finden. Und dabei das klare Bewusstsein zu behalten: Es ist ein menschengemachtes System, was bedient
werden will und stückweise auch muss. Ein bewegungsfreudiges Kind wird mit dem Stillsitzen im Unterricht
größere Probleme haben und  damit von den Lehrern tendenziell als problematisches Störenfried-Kind beur-
teilt. Ein introvertiertes und eher ruhebedürftiges Kind findet vielleicht nur langsam bis gar keinen Anschluss
in der  Klasse, ist aber unterrichts- und lehrkraftsfreundlich angepasst ruhig und wird seine Bedürfnisse in
der Klasse u.U. nicht  ins Lehrer-Bewusstsein bringen können.

Elterngespräche in Institutionen wie Kindergarten und Schulen basieren häufig auf von wem auch immer
definierten Leistungskriterien. Zahlenraum bis X, lesen, schreiben, zuordnen, erkennen, etc. stehen im
Vordergrund. Hier gilt es standardisierte Maßstäbe zu erreichen, die dann durch die Kategorien sehr gut
bis unbefriedigend jedem Kind seinen Stellenwert in der Gruppe zuordnen. Alles notwendiger Teil von
Bildung in Gruppen? Vielleicht. Aber damit wird unseren Kindern permanent ein Maßstab vorgesetzt, den
sie erreichenmüssen, um „gut“ oder zumindest „befriedigend“ zu sein. Damit wird ihr Wert für das Bildungs-
und Gesellschaftssystem, vielfach auch für die Eltern und noch schlimmer für sich selbst definiert. Blöd,
wenn die  Fähigkeiten eines Kindes gar nicht über die schulisch gesetzten Standards abbildbar sind. Wenn
das Kind die eigenen Leidenschaften und Interessen wegdrücken muss, weil „Schule nun mal vorgeht.“ und
es „an seine Zukunft“ denken muss – indem es das System bestmöglich bedient. Noch blöder, wenn in den
Schulen  vieles, was unsere Kinder fürs Leben wirklich benötigen, gar nicht erst vermittelt wird.

Und genau hier können wir als Eltern ansetzen. Indem wir die seelische Bildung unserer Kinder als mindestens
ebenso wertvoll proklamieren, wie die klassische, wissensorientierte Schul-Ausbildung. Denn Schule sollte vor
allem eines: Unsere Kinder bestmöglich aufs Leben vorbereiten. Lesen, schreiben, rechnen. Alles notwendige
Kulturtechniken, ja. Aber jedem in seinem Tempo nach seinen Fähigkeiten. In der heutigen Zeit ist Wissen
schnell und einfach verfügbar und zudem noch schnell überholt. Relativieren wir für unsere Kinder den Wert
von Wissen und Können in Form von Noten. Denn die sagen nichts über ihre seelische Stabilität und (Über-)
Lebensfähigkeit aus. Machen wir uns in den Schulen stark für jede Form von sozialem Lernen: Warum ist Respekt
und Wertschätzung so wichtig für mich und für den Umgang mit anderen? Warum sollte ich mich für mich selbst
und für andere stark machen? Was ist Mobbing und was hat es für Motivationen und Auswirkungen? Wann spricht
man von einer Ess-Störung oder einer Depression und wie äußert sich so etwas bei mir selbst oder bei meinen
Freunden? Wo sind meine Grenzen und wie schütze ich sie? Wie gehe ich mit Enttäuschungen oder Zurück-
weisungen um? Wie löse ich Konflikte? Wie kann ich mit Dingen umgehen, die ich nicht ändern kann? Wo und
wie bekomme ich Hilfe, wenn ich sie brauche? und, und, und. Es gibt durchaus einige Schulen, die über Sozial-
pädagogen oder geschulte Lehrer eine solche Unterstützung anbieten. Doch das systematische Erarbeiten von
Ressourcen und Lösungen für die Unterstützung der seelischen Gesundheit unserer Kinder unter Gleichaltrigen
ist leider immer noch kein etabliertes Unterrichts- oder Kindergartenfach. Dabei wäre die Ausbildung dieser
Kompetenzen für jedes System und jeden einzelnen Menschen unermesslich wichtig.

 

Ein Plädoyer für ein anderes Verständnis von Schule und (Aus-)Bildung hält der Rapper Prince EA u.a. in mehreren
sehr eindrucksvollen youtube-Videos, wie z.B. „What is school for?“ oder „I sued the school system“.3 Die Kurz-
Antwort?: Schule sollte Kinder in jeder Hinsicht und so individuell wie möglich aufs Leben vorbereiten, indem
sie Selbstwirksamkeit, Wissbegierde und Selbstwert ausbildet und unser aller Leben in jeglicher Hinsicht lebens-
und liebenswert macht. Keine Giraffe sollte schwimmen lernen müssen, kein Elefant auf Bäume klettern. Unser
Schulsystem aber „beschult“ alle Kinder unabhängig von ihren Begabungen gleich und stülpt ihnen standardisierte
und abbildbare Erwartungen über. Dadurch wird Schule und Bildung für viele Kinder zu einem Ort, an dem sie
etwas werden müssen, was sie nicht unbedingt sind. So wird viel angeborene Motivation und Neugierde erstickt
und Lernen zur Pflicht statt zur Befriedigung von Talenten und Neugierde. Schulsport z.B. ist für nicht wenige
Erwachsene noch lange nach der Schulzeit eine echte Horror-Erinnerung.

Doch Schule, wie wir sie als Erwachsene kennengelernt haben, hat sich m.E. noch aus einem ganz anderen
Grund überlebt, denn die Arbeitswelt, wie wir sie bisher kennen, wird bald der Vergangenheit angehören:
Künstliche Intelligenz wird mit ihrer disruptiven, explosiven Innovationskraft unser bisheriges Lernen voll-
kommen verändern – müssen. Wenn Kinder frühzeitig durch ihre Umgebung lernen, ihre ganz eigenen Be-
gabungen und Interessen erkennen und entwickeln zu können – dann ist das ein unglaublich großes Potential
für unsere und für ihre Zukunft. Denn diese wird immer weniger auf gesichertem, einmal erlerntem und fest-
stehendem Wissen basieren. Unsere Kinder werden vermutlich keine goldenen Uhren zur 25jährigen Betriebs-
zugehörigkeit bekommen, zumindest nicht in derselben Funktion. Ihre Umgebung wird sich viel schneller ändern
als dies jemals zuvor geschehen ist. Denn künstliche Intelligenz entwickelt eine ganz eigene Dynamik, die selbst
jahrzehntelang gesetzte Arbeitsbereiche innerhalb kürzester Zeit vollkommen umkrempeln oder sogar ersetzen
kann.4 Fachwissen und Können wird hierdurch sehr relativ, lebenslanges Lernen und Weiterentwickeln werden
fester Bestandteil menschlichen Lebens. Und je positiver die Erfahrung mit Lernen und die Einstellung hierzu
ist, desto besser. Neugierde, Fehler machen dürfen, sollen und wollen sowie Ausprobieren wollen werden ent-
scheidende Kräfte. Unterscheiden können zwischen Dingen, die man selbst ändern kann und Dingen, die man
nicht ändern kann, aber denen man mit einer anderen Haltung begegnen kann, um mit ihnen leben zu können.
All dies gehört dazu. Die sogenannten soft skills werden zukünftig deutlich an Bedeutung gewinnen: Intuition,
Kreativität, Empathie, genau hinschauen und zuhören, hinterfragen, querdenken können. Design thinking ist
bereits eine recht etablierte Methode, die sehr bewusst unterschiedlichste Menschen und Fachbereiche zur Lösung
von Problemen und Entwicklung von Produkten und Leistungen zusammenholt und ganz konkret auf „Anderssein“
setzt, um Innovationen zu erschaffen. Nie war die Chance für Kinder größer als jetzt, „ihr Ding“ machen zu können.
Schulen sollten schnellstmöglich die Strukturen und die Kompetenzen hierfür schaffen und von den vielen bereits
vorhandenen Einzelprojekten und Alternativen in anderen Ländern lernen und erschaffen.


Quellen bist hierher

1 Nach Sabine Wery von Limont (2018): Das geheime Leben der Seele. München. Seite 85ff.
2 Martin Seligmann (2010): Erlernte Hilflosigkeit. München.
3 Prince EA: „What is school for?“(Quelle) und „I sued the school system“ (Quelle) Zuletzt aufgerufen am 20. April 2020.
4 Über das Veränderungspotential digitaler Innovation siehe z.B. Christoph Keese (2016): Silicon Germany. Wie wir die digitale Transformation schaffen. Oder Christian Kromme (2017): Humanification. Go digital. Stay human. La Vergne/USA. Kromme geht noch stärker auf die menschlichen Auswirkungen ein. So wie der TEDTalk von Andy Wible: Strengthening Soft Skills.