Annahmen und Modelle von Virgina Satir im Kontext von NLP

Abschlussarbeit von Chris Tokple, als PDF lesen


1. Hintergrund Virgina Satir

1.1 Kurzbiografie Virgina Satir

Virgina Satir war neben Milton Erickson und Fritz Perls eine zentrale Person, die NLP geprägt hat. Virgina Satir
wurde am 26.06.1916 in Wisconsin geboren. Satir schien sehr talentiert gewesen zu sein, mit 3 Jahren konnte sie
bereits lesen und man sagt, dass sie bereits mit 9 Jahren alle Bücher in ihrer Schulbibliothek gelesen hat.

In Lektüren über Satir steht außerdem, dass sie schon in jungen Jahren „Familien-Detektiven“ werden wollte, auch
wenn sie damals noch nicht genau wusste, was sie damit eigentlich meinte. Vielleicht rührte diese Idee aus der
Tatsache, dass ihre Eltern eine Beziehung mit großen Spannungen führten.

Satir erlangte verschiedene Abschlüsse in sozialer Arbeit und Psychoanalyse und nach einem Umzug nach
Kalifornien begann sie im Mental Research Center (MRI) zu arbeiten. Am MRI, an dem u.a. auch Paul Watzlawick
forschte, wurden für damalige Zeiten radikale Thesen in den Bereichen Kommunikation, Familientherapie und
Systemtheorie entwickelt.

Satir beschäftigte sich insbesondre mit Rollenspielen und Familienrekonstruktionen und setze in ihren Arbeiten den
Fokus auf die Gegenwart und jetzigen Möglichkeiten, anstatt auf die Vergangenheit, wie viele ihre Fachkollegen bis
dahin. Ihre Ergebnisse waren sehr erfolgreich und so wurde sie auch bald als „Mutter der Familientherapie“
bezeichnet.

Neben Ihrer Tätigkeit als Therapeuten arbeitete Satir als Autorin und Trainerin. Mit Avanta gründete Virgina Satir
eine Non-Profit-Organisation. Avanta hat die Mission, Menschen und Organisationen zu unterstützen, verbinden
und zu befähigen in Konfliktsituationen oder um Handlungsalternativen für Wachstum und Entwicklung zu
schaffen. Dabei werden verschiedene von Satir entwickelte Methoden eingesetzt.

1.2 Virgina Satir und NLP

Richard Bandler, einer der Gründer von NLP, arbeitete Anfang der 1970er Jahre für Robert L. Spitzer, einem
Professor für Psychiatrie an der Columbia-Universität. Spitzer gab Bandler die Aufgabe, verschiedene Video- und
Audioaufnahmen von Fritz Perls und Virgina Satir auf Papier zu übertragen. Das Ziel war die Arbeit von Satir und
Perls für Bücher oder Lehrmaterial zu verschriftlichen.

Bandler war zur damaligen Zeit bemerkenswert gut darin, sich unterschiedlichste Fähigkeiten selbst beizubringen.
Es heißt, das Bandler ein sehr guter Musiker war und das Spielen der Instrumente durch das genaue Beobachten von
Musikern bzw. genaues zuhören erlernt hatte. Diese Fähigkeit ermöglichte es Bandler die Methoden und
Vorgehensweisen ebenfalls perfekt zu erlernen, während er über Monate die Arbeiten von Perls und Satir
verschriftlichte. Wichtige und zentrale Elemente im NLP sind auf die Arbeit von Virgina Satir zurückzuführen.
Dazu gehören

•Ankern
• Future Pacing
• (6-Step-)Reframing

 

2. Ausgewählte Axiome und Modelle von Virgina Satir

Virgina Satir etnwickelte eine Reihe von Modellen und Axiomen, die heute noch eine zentrale Rolle in der
Psychotherapie, Familientherapie und natürlich im NLP einnehmen.

Im Folgenden werden einige dieser Axiome und Modelle vorgestellt.

2.1. Das Wachstumsmodell

Das Wachstumsmodell von Virgina Satir beschreibt den Prozess, den ein Individuum, aber auch eine Organisation
im Rahmen einer Veränderung und im Wachstum durchläuft.

Der Prozess besteht dabei aus fünf Phasen (siehe Abbildung 1):

1. Phase 1: Status-Quo
2. Phase 2: Wiederstand
3. Phase 3: Chaos
4. Pha Umsetzung
5. Phase 5: Neuer Status-Quo

2.1.1 Phase 1: Status-Quo

Die Phase Status-Quo beschreibt die aktuelle Situation, bzw. die Situation bevor eine Veränderung eintritt.
Vorgänge, Tätigkeiten sind eingespielt. Das Verhalten und die Beziehungen zu Mitmenschen sind konfliktlos bzw. es
liegen keine bisher noch nicht aufgetretenen Konflikte und Herausforderungen vor.

Die Leistungen und Fähigkeiten oder auch das Wohlbefinden einer Person sind weitestgehend konstant.

Dann tritt allerdings in einem gewissen Moment eine neue Situation (Konflikt) auf. In Abbildung 1 wird dies als
externes Element beschrieben. Dieses externe Element erfordert  eine andere Herangehensweise/ Vorgehensweise
als bisher. Man könnte auch sagen, dass die Komfortzone verlassen werden muss, um eine Lösung des Konflikts zu
erreichen.

2.1.2 Phase 2: Widerstand

Üblicherweise ist die erste Reaktion auf das externe Element ein Widerstand. Dieser Widerstand ist kein
ressourcenvoller Zustand. Es wird versucht, den Konflikt zu ignorieren, Schuldige zu finden oder mit offensichtlich
nicht zielführenden Verhalten reagiert.

2.1.3 Phase 3: Chaos

Die dritte Phase wird durch Chaos bestimmt. Diese Phase tritt ein, wenn der Widerstand gegen die Tatsache, also
das externe Element, fallen gelassen wird. Die Leistung und der Zustand nehmen insgesamt ab und man kann
Verzweiflung, Angst, Stress und Verletzlichkeit feststellen. Innerhalb dieser Phase werden kleine Fortschritte
gemacht, aber auch Rückschläge erlitten. Neue Methoden und Herangehensweisen werden ausprobiert, da
insgesamt erkannt wird, dass die bisherigen Fähigkeiten/ Herangehensweisen nicht zielführend waren.

Das geht solange, bis eine transformierende Idee entwickelt wird. Beispielsweise kann ein Individuum erkennen,
dass ein Glaubenssatz die hier limitierende Komponente ist. Erst jetzt ist es möglich, geeignet auf die neue Situation
zu reagieren.

2.1.4 Phase 4: Umsetzung

Es folgt nun die Umsetzungsphase, die aus der Chaosphase herausführt. Durch die Aufhebung der limitierenden
Komponente können neue Perspektiven, Verhalten und Fähigkeiten eingesetzt werden. Diese werden nun integriert
und die Leistung bzw. der Zustand verbessert sich stetig, bis ein neuer Status-Quo (Phase 5) erreicht wird.

2.1.5 Phase 5: Neuer Status-Quo

Der neue Status-Quo ist ein Zustand, indem insgesamt mehr Ressourcen zur Verfügung stehen als in dem alten
Status-Quo. Die Chaos-Phase hat also in der Summe dazu geführt, dass ein Wachstum stattgefunden hat. Die neuen
Ressourcen werden verinnerlicht und in Zukunft auch unbewusst eingesetzt. Virgina Satir argumentiert aber auch,
dass zur Erreichung dieses Wachstum zwei Bedingungen unabdinglich sind, nämlich

• Die fünf Freiheiten/ Grundhaltungen
• Kongruenz

Diese werden im Folgenden erläutert.

 

2.2 Die 5 Freiheiten/ Grundhaltungen

Die fünf Freiheiten entspringen aus Virgina Satirs Lehre im Bereich der Familientherapie und spielen auch eine
wichtige Rolle, um erfolgreich Wachstum und Veränderung zu ermöglichen. Denn die Betrachtungsweise von
Sachverhalten ist entscheidend und bestimmt, wie man auf  Herausforderungen reagiert. Für die fünf Freiheiten ist
eine Kommunikation erforderlich, die einschließt, wie man sich selbst fühlt, wie man sich in Beziehung zu anderen
Menschen und der auftretenden Situation fühlt.

Die fünf Freiheiten lauten:

1. Die Freiheit zu sehen und zu hören, was tatsächlich ist, anstatt zu sehen und zu hören, was sein sollte oder
einmal sein könnte.

2. Die Freiheit zu sagen, was man fühlt und denkt, anstatt zu sagen, was man über die Situation sagen sollte

3. Die Freiheit zu fühlen, was man tatsächlich fühlt, anstatt zu fühlen, was man fühlen sollte.

4. Die Freiheit, um das zu bitten/fordern, was man wirklich möchte, statt immer auf die Erlaubnis darauf zu warten.

5. Die Freiheit, aufgrund der eigenen Interessen Risiken einzugehen, anstatt sich dafür zu entscheiden, in der
Komfortzone zu verbleiben

In Abbildung 2 sind die fünf Freiheiten symbolisch dargestellt.

 

2. 3 Kongruenz

Neben den fünf Freiheiten setzt Virgina Satir Kongruenz als eine Voraussetzung für Wachstum, Veränderung,
Gesundheit und auch nachhaltige Beziehungen voraus. Der Begriff Kongruenz ist uns sicherlich noch aus der
Mathematik bekannt, dort wird er für Deckungsgleichheit verwendet.

Hier bedeutet Kongruenz, dass Emotionen, Gedanken, Worte, Mimik und Gestik einer Person im Einklang sind.
Wenn dies der Fall ist, sind Wachstum, Veränderung, Gesundheit und auch nachhaltige Beziehungen am
wahrscheinlichsten zu realisieren.

Folgende Punkte sollten folglich erfüllt sein:

• Liebe sich selbst und anderen gegenüber
• die Bereitschaft, Risiken einzugehen und sich verletzlich zu machen
• die Bereitschaft, sich selbst und anderen zu vertrauen
• Die Freiheit, man selbst zu sein und andere zu akzeptieren
• die Würdigung der Einzigartigkeit des Selbst
• Nutzen der eigenen inneren und äußeren Ressourcen
• Offenheit gegenüber Intimität


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